Julian Weigend begeistert mit seiner Lesung aus Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“

Innenansichten eines Irren

Großes Publikum in der Aula der Konrad-Duden-Schule: Mehr als 150 Zuhörer lauschten aufmerksam den Worten von Schauspieler Julian Weigend, der aus der Novelle „Bahnwärter Thiel“ von Gerhart Hauptmann las. Helgo Hahn sorgte für die musikalische Umrahmung am Flügel (kleines Bild). Fotos: Skrzyszowski

Bad Hersfeld. Als Julian Weigend die Bühne betritt und mit tiefer Stimme die ersten Worte aus der Novelle „Bahnwärter Thiel“ von Gerhart Hauptmann liest, ist es plötzlich mucksmäuschenstill in der Aula der Konrad-Duden-Schule.

Eindrucksvoll erzählt er aus dem Leben des Bahnwärters Thiel, das nach dem Tod dessen Frau Minna und durch die zweite Heirat mit Lene eine tragische Wende nimmt.

Die sich aufbauende Spannung der Geschichte war für das Publikum regelrecht greifbar. Lebendig und mit Nachdruck schilderte Weigend die Geschehnisse der Novelle bis hin zur Katastrophe: Sohn Tobias war das einzige, was Thiel aus der ersten Ehe geblieben ist. Nach der Geburt des zweiten gemeinsamen Sohnes mit Lene fängt diese an, Tobias zu misshandeln.

Der Bahnwärter versucht daraufhin die Wirklichkeit zu verdrängen und flieht in seine eigene Fantasiewelt, in die Weigend die Zuhörer entführt. Schließlich wird Tobias aufgrund der Nachlässigkeit Lenes von einem Zug erfasst. Sein Tod treibt Thiel endgültig in den Wahnsinn, er ermordet seine Frau sowie das gemeinsame zweite Kind und wird schließlich in eine Irrenanstalt gebracht.

Zuhörer gefesselt

Ausdrucksstark und temperamentvoll fesselte Weigend die mehr als 150 Zuhörer, die dem Schicksal des Bahnwärters gut eineinhalb Stunden gebannt folgten.

Helgo Hahn begleitete die Lesung musikalisch am Flügel.

Mit großem Beifall drückte das Publikum seine Begeisterung aus. Der Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine, Heinz H. Noack, übergab Julian Weigend als Dankeschön seitens der Veranstalter den aktuellen Bildband der Bad Hersfelder Festspiele „bilder. bögen.“ und schloss die Bitte an, doch bald auch wieder als Schauspieler nach Bad Hersfeld zu kommen.

Und wer weiß? Vielleicht kommt der ehemalige „Rattenfänger“ tatsächlich zurück in die Stiftsruine – denn bei seinem Besuch in der Festspielstadt stellte er fest: „Als ich durch Bad Hersfeld geschlendert bin, habe ich mich wie zu Hause gefühlt.“

Ein „Hauptmann“ zu Gast

Am Ende bekam das Publikum sogar noch einen echten „Hauptmann“ zu Gesicht: Bernhard Hauptmann, der Großneffe des Schriftstellers Gerhart Hauptmann, lebt in Bebra, im Stadtteil Blankenheim, und war Gast der Lesung. Er berichtete, dass sein Großvater in der Tat den Beruf des Bahnwärters ausübte und so die Hauptfigur der Novelle entstanden sei. Die Geschichte habe Gerhart Hauptmann jedoch frei erfunden.

Von Nina Skrzyszowski

Kommentare