Interview mit Geschäftsführer Peter Hübner

Immer weiter Richtung Osten

Peter Hübner

Bad Hersfeld. Peter Hübner, der technische Geschäftsführer der Kirchner Polska, ist ein Berufspendler zwischen Bad Hersfeld und Lodz. Mit ihm sprach Kai A. Struthoff über das Polen-Geschäft der Firma.

Herr Hübner, Polen scheint für die Baubranche so eine Art Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu sein?

Peter Hübner: Das stimmt. Vor allem die Nachfrage von der Straßenbauverwaltung ist sehr groß. Es werden viele unglaublich große Aufträge ausgeschrieben. Das hat allerdings zur Folge, dass auch viele Mitbewerber nach Polen kommen – sogar aus China.

Gibt es anderswo in Europa noch solche Aufträge?

Hübner: Nein, in dem Umfang gibt es in Europa keine Straßenbauprojekte. Das ist einmalig. Das Geld dafür stammt aus den EU-Töpfen, aus denen in den vergangenen Jahren Spanien und Irland gefördert wurden. Dieses Geld wird jetzt in die Beitrittsländer umgeleitet. Polen muss die Projekte nur ko-finanzieren.

Das deutsch-polnische Verhältnis ist historisch stark belastet. Wie kommen Sie als Deutscher dort zurecht?

Hübner: Sehr gut, ich fühle mich sehr wohl. Wir sind dort seit 15 Jahren tätig und kennen uns inzwischen sehr gut. Die Mentalitätsunterschiede sind schon gravierend, doch man spürt keine Ressentiments gegen die Deutschen. Aber wir reden auch nicht viel über Politik, sondern mehr über Zahlen.

Die kleine Firma Kirchner wuppt in Polen gleich mehrere 100-Millionen-Euro-Projekte. Hätte sie das auch ohne die Fusion mit der Strabag geschafft?

Hübner: Definitiv nicht. Das liegt schon daran, dass der Vor-Finanzierungsbedarf sehr hoch ist. Auch das Bürgschaftsvolumen ist mit zehn bis fünfzehn Prozent der Auftragssumme sehr hoch. Damit tut sich ein Mittelständler allein schwer.

Viele Kirchner-Mitarbeiter hatten gefürchtet, im Großkonzern Strabag unterzugehen. Wie ist jetzt das Verhältnis der Kirchners zu Strabag?

Hübner: Sehr gut. Die Kirchner-Mitarbeiter, die den Mittelständler gewöhnt waren, haben sich inzwischen auch an den Konzern gewöhnt. Natürlich ist jetzt manches anders. Außerdem mussten wir im Bereich der kaufmännischen Abteilungen viele Aufgaben an die Zentrale abgeben. Aber das Ergebnis des Polengeschäfts stärkt auch den Standort in Bad Hersfeld.

Wir haben gehört, dass Ihre Firma keine Auszubildenden mehr in die Lehrwerkstatt nach Bebra schickt. Hat Ihr Mutterkonzern Strabag das nicht nötig?

Hübner: Doch, auch die Strabag setzt klar auf Ausbildung – gerade vor dem Hintergrund des Facharbeitermangels. Über die Zukunft des Ausbildungszentrums in Bebra wird diskutiert, aber es sind noch keine Entscheidungen gefallen. Und bis dahin schicken wir auch weiter Azubis nach Bebra.

In Polen haben Sie Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden. Wie geht das weiter?

Hübner: Die Personal- aber auch die Materialressourcen sind in Polen erschöpft. Wir haben unsere Akquise deshalb etwas runtergefahren. Wir suchen immer Personal. Ein Bauingenieur muss die polnische Sprache beherrschen, um dort tätig zu sein. Aber es gibt in Deutschland viele Bauingenieure mit polnischen Wurzeln.

Hat der gegenwärtige Boom in Polen nur mit der Fußball-Europameisterschaft dort zu tun, oder geht er danach weiter?

Hübner: Der Boom wird durch die Europameisterschaft verstärkt, weil die Hauptmagistralen wie die A2 Berlin-Warschau und Nord-Süd-Verbindung A1 von Kattowitz nach Danzig fertiggestellt werden müssen. Aber Europa wird weiterhin die Infrastruktur der Beitrittsländer ausbauen müssen.

Ziehen Sie dann noch weiter nach Osten?

Hübner: Das wird automatisch so kommen.

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