Montagsinterview mit Gerhard Deiseroth, dem Autor der neuen Landkreis-Chronik

Immer mehr Aufgaben

Bei der Zusammenstellung der Bilder für sein Buch „40 Jahre Landkreis Hersfeld-Rotenburg“ konnte Gerhard Deiseroth nicht nur auf die Archive von Kreis und Tageszeitungen zurückgreifen, sondern auch auf den eigenen Fundus. Foto: Schönholtz

Bad Hersfeld. Gerhard Deiseroth ist in der Kreisverwaltung ein Mann der ersten Stunde, hat alle fünf Landräte seit dem Zusammenschluss der Kreisteile Hersfeld und Rotenburg 1972 aus nächster Nähe erlebt. Keiner war also besser geeignet, die jetzt erschienene Chronik „40 Jahre Landkreis Hersfeld-Rotenburg“ zu erstellen. Wir sprachen mit dem Fachbereichsleiter über das Gestern und das Heute.

Herr Deiseroth, ist in all den Jahren aus zwei Teilen ein Ganzes geworden?

Gerhard Deiseroth: Ja, auch wenn das vielleicht nicht jeder Einzelne so sieht, für die meisten trifft das zu.

Hat es da einen längeren Prozess gegeben?

Deiseroth: Ich denke, das hat gut und gerne 20 Jahre gedauert. Das hängt auch mit Menschen zusammen, die noch in alten Positionen tätig waren und erst in den Ruhestand gehen mussten. Das hat aber auch mit der Wiedervereinigung Deutschlands tun. Der Wegfall der Grenze hat ein ganz anderes Denken bewirkt.

Sie sind für Ihr Buch bestimmt tief ins Archiv gestiegen. Wenn Sie an die alten Zeiten denken, war’s früher besser?

Deiseroth: Mir ging es bei der Arbeit am Buch vielleicht ähnlich wie Zeitungsredakteuren, die eigentlich auch nur verhältnismäßig oberflächlich über bestimmte Dinge berichten können. Denn das, was ein Kreis tut, das ist so vielfältig. Wenn man da über alles und einen Zeitraum von 40 Jahren schreiben will, kann man es auch nur anreißen und das Wichtigste darstellen – auch wenn das Buch 304 Seiten dick ist.

Sicher ist mit den Jahren die Komplexität gewachsen. Also war früher vieles einfacher?

Deiseroth: Ja, weil früher die Standards und die Aufgabenfülle geringer waren. Der Aufgabenzuwachs, der hier auf die Beschäftigten eingestürmt ist, war schon immens. Früher konnte manches etwas gemütlicher angegangen werden, das muss man ganz klar sagen.

Heute sind Landräte und Bürgermeister so etwas wie kommunale Manager, früher galten sie als Gebietsfürsten – mit der Betonung auf Fürsten. Haben Sie das auch so empfunden?

Deiseroth: Da gibt’s sicherlich manchmal Ansätze, das so zu sehen, aber es war nicht die Regel. Hin und wieder kommt das mal durch (lacht).

Sie haben alle Landräte erlebt. Fällt Ihnen zu jedem von ihnen etwas Prägendes ein. Beginnen wir mit Otto-Ulrich Bährens.

Deiseroth: Er war der Landrat der Kreisreform, zuletzt Landrat im Landkreis Rotenburg, dann zusätzlich Staatsbeauftragter Landrat für den neuen Landkreis Hersfeld-Rotenburg und dann der erste vom neuen Kreistag gewählte Landrat. Er hatte die schwierige Aufgabe, die Ämterstrukturen der beiden Altkreise sinnvoll zusammenzuführen.

Norbert Kern?

Deiseroth: In seiner Zeit waren große Aufgaben in der Schulpolitik zu bewältigen. Es war ein enormes Investitionsprogramm abzuarbeiten, und am Ende mussten schon die ersten großen Schulen wieder saniert werden, insbesondere wegen der Asbestproblematik.

Alfred Holzhauer?

Deiseroth: Alfred Holzhauer hat, nachdem der große Boom nach der Grenzöffnung wieder abklang, wichtige Impulse in der Struktur- und Wirtschaftsförderung gelegt. Außerdem hat er durchgesetzt, dass der größte Eigenbetrieb des Landkreises, nämlich das Kreiskrankenhaus, in eine privatrechtliche Organisationsform, eine GmbH, überführt wurde und eigenständiger arbeiten konnte, was der Grundstein für eine Erfolgsgeschichte war.

Roland Hühn?

Deiseroth: Er hat sich die Verwaltungsreform und die neue Verwaltungssteuerung auf die Fahnen geschrieben und den Grundstein für die Einführung der kaufmännischen Buchführung gelegt. Weiterhin ist ihm der Durchbruch bei der Erschließung des Industriegebietes Mecklar-Meckbach gelungen.

Und der jetzige Landrat Dr. Karl-Ernst Schmidt?

Deiseroth: Er hat für die Verwaltung das Ziel verfolgt, betriebswirtschaftliches Denken und betriebswirtschaftliche Handlungsweisen neben das Verwaltungshandeln zu stellen. Weiterhin hat er den Dienstleistungsgedanken der Verwaltung noch mehr in den Vordergrund gestellt. Er hat die Wirtschaftsförderung gestärkt und Maßnahmen zur Bewältigung des demographischen Wandels eingeleitet. In seine Amtszeit fallen auch die Umkehrung von Problemen, wie zum Beispiel die früher hohe Arbeitslosigkeit und der jetzige Fachkräftemangel, was eine Anpassung vieler Strategien erforderlich machte.

In vielen Bereichen wird heftig zentralisiert. Wenn Sie in die Zukunft schauen, sehen Sie dann eine weitere Gebietsreform, etwa einen Großkreis Hersfeld-Rotenburg/Werra-Meissner?

Deiseroth: Es werden in anderen Bundesländern riesige Gebilde geschaffen. In Hessen hat man davon zwar noch nichts gehört, aber auszuschließen ist es nicht. Die Aufgabenfülle nimmt zu und damit auch die Spezialisierung, also könnte so etwas unausweichlich die Folge sein.

Was halten Sie persönlich davon?

Deiseroth: Man müsste einmal nachdenken, ob es nicht sinnvollere Reformierungsmöglichkeiten gibt als immer nur größere Einheiten zu schaffen. Ich denke dabei an die Bündelung von Aufgaben im kommunalen Bereich, also die Zusammenarbeit von Städten und Gemeinden und dem Landkreis.

Von Karl Schönholtz

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