Vor Ort: EM-Finale – ein Besuch beim Italiener um die Ecke

„Immer Forza Italia“

Vielleicht das EM-Finale boykottieren und einfach den Tatort in der ARD schauen? Irgendwann am Wochenende haben wir diesen (Rache-)Gedanken dann doch verworfen. Und sind zum Mini-Public Viewing beim Italiener gelandet. Als Final-Touristen sozusagen.

VOR DEM SPIEL

Das Ristorante Michelangelo im Kurpark von Bad Hersfeld wird heute Abend keine italienische Fußball-Hochburg sein. Soviel ist schon vor dem Anpfiff klar. Nur wenige Fans der Squadra Azzurra sind gekommen. Der große Fernseher steht im Gastraum – Fußball auf der Terrasse ist nicht. „Papa hat Angst, dass es regnet“, erzählt Lella de Salvo. Während Papa Vito und Mutter Isabella mit den drei Jüngsten im Urlaub (in Italien) ist, schmeißen Lella (21), ihre ältere Schwester Sarah (23) und Onkel Michele den Laden. An Micheles Arbeitsplatz vor dem Pizzaofen brennt die Luft heute Abend noch heißer als sonst. Gibt es eine „notte magica“ – eine magische Nacht für die Italiener? „Schwer zu sagen. Wer das erste Tor schießt, gewinnt“, glaubt Michele, der sich ein Stirnband in den italienischen Landesfarben um den Kopf gebunden hat. Tisch 16 bekommt gegrillte Scampi. Die Gäste freuen sich auf ihren Festspielbesuch. Noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff.

ERSTE HALBZEIT

Das Spiel beginnt. „Oh, ich gucke lieber gar nicht hin. Mir ist ganz schlecht“, sagt Sarah. Sie trägt wie ihre Schwester ein Italien-Trikot und hat sich die Landesflagge um die Hüften gewickelt. Die Wangen haben sich die beiden jungen Frauen mit grün-weiß-roten Herzchen geschminkt. Sarahs Freund René rechnet mit einem langen Spiel, wie er sagt. Und einem Sieg für Italien. „Das muss ich sagen, sonst ist mir die Familie böse“, scherzt er. Er hat diese Sätze kaum ausgesprochen, da schlägt David Silva zu: 1:0 für Spanien. Wenig später muss Chiellini verletzt vom Feld. „Oh Scheiße“, sagt René. Am Nachbartisch gibt‘s eine Pizza Prosciutto. „Sollen wir demnächst etwa Paella essen“, ruft eine Frau aus der Ecke. Vorn tigert Michele nervös durch den Gastraum – in Kiew trifft Jordi Alba: 2:0. „Eine Halbzeit haben wir noch“, sagt ein junger Mann im Italien-Trikot trotzig.

ZWEITE HALBZEIT

Beginnt mit zwei – nennen wir es Chancen – von di Natale. Das war’s dann aber auch. Die Spanier sind einfach viel zu stark. Als dann auch noch Thiago Motta verletzt ausscheidet, und Italien nicht mehr wechseln darf, weicht im Michelangelo auch die letzte Hoffnung. Michele winkt ab und geht erst einmal rauchen. Fernsehbilder zeigen spanische Fans, die auf den Rängen längst siegessicher singen und tanzen. Es ist ruhig geworden im Gastraum. Das 3:0 und 4:0 interessieren fast nicht mehr.

Michele ist mittlerweile zurück und säubert seinen Arbeitsplatz. Als das Spiel vorbei ist, kehrt er vor den Fernseher zurück. Er hat sich die italienische Fahne umgehangen, lächelt und sagt: „Aber trotzdem immer Forza Italia.“

Von Sascha Herrmann (Text und fotos)

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