Eine Gedenktafel in der Bahnhofstraße erinnert an deportierte jüdische Mitbürger

Nur ihre Namen bleiben

„Zur Erinnerung“ steht auf der neuen Gedenktafel in der Bahnhofstraße. Sieben jüdische Hersfelder Mitbürger und ihr Schicksal sollen mit ihr nicht in Vergessenheit geraten, erhoffen sich (von links) Bürgermeister Hartmut H. Boehmer, Werner Schnitzlein und Otto Abbes. Foto: Hettenhausen

Bad Hersfeld. Als ein Zeichen der Erinnerung und der Mahnung wurde in der Bahnhofstraße im Vorgarten des Hauses Nr. 11 eine Tafel zum Gedenken an sieben deportierte, jüdische Hersfelder Einwohner eingeweiht. Dort befand sich ihr Wohnhaus, das vor etwa zwanzig Jahren abgerissen wurde.

Von den 320 Juden im Jahr 1933 lebten 1942 nur noch sechs Frauen und Männer in Bad Hersfeld. Otto Abbes, Geschichtsexperte und Buchautor, hatte die Biographien dieser sieben Personen erforscht und stellte sie vor. Viele Informationen gäbe es nicht, bedauerte er: „ Nicht nur das Leben der Opfer wurde ausgelöscht, auch ihr Hab und Gut und fast jeglicher Hinweis auf ihre Existenz. Selbst Fotos von ihnen gibt es nicht mehr. Doch sie sind zum Glück nicht ohne Namen.“

Die Schwestern Minna Goldschmidt und Emma Levi, Simon und Regina Goldschmidt, Recha Levi und ihre Tochter Elfriede sowie die Witwe Feige Leicht hatten es nicht geschafft, auszuwandern. Dazu fehlten ihnen die finanziellen Mittel und die nötige Unterstützung aus dem Ausland. 1941 nahmen die Umsiedlungen, so nannte man die Deportationen damals, zu. Otto Abbes besitzt zahlreiche Briefe und Postkarten aus dieser Zeit, die die flehentlichen Bitten an Verwandte und Fremde in aller Welt enthalten, bei der Auswanderung behilflich zu sein.

Zusammen mit sieben Juden aus Niederaula wurden die Hersfelder am 1. Juni 1942 zum Bahnhof gebracht. Der Sonderzug „DA 57“ brachte sie nach Kassel in das Sammellager Schillerstraße.

Werner W. Schnitzlein, Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, schilderte Einzelheiten zum Transport. Eine Liste mit allen Möbelstücken und Wertsachen musste auf den Wohnzimmertisch gelegt werden. Nur ein 50 kg schwerer Koffer und eine kleine Tasche durften mitgenommen werden.

Bereits einen Tag später folgte die Fahrt in die polnischen Vernichtungslager Majdanek und Sobibor. Von dort kehrte keiner der Hersfelder zurück.

Nur wenige Tage nach der Deportation wurden die Guthaben ihrer Konten an die Reichsbank überwiesen. Bereits am 3. Juni wurden ihre Hinterlassenschaften in der Hersfelder Turnhalle versteigert.

„Wer aus der Geschichte nicht lernt, kann die Zukunft nicht verstehen“, sagte Bürgermeister Hartmut H. Boehmer zur Freigabe der Tafel. Deshalb sei es wichtig, an solche Schicksale zu erinnern und Orte zum Gedenken zu schaffen.

Mit jüdischen Liedern, die Helgo Hahn auf dem Akkordeon und der Sechstklässler Leonard Schwarze auf der Klarinette vortrugen, erhielt die besinnliche Einweihung einen passenden, musikalischen Rahmen.

Von Vera Hettenhausen

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