Walter Hassenpflug überlebte den Angriff auf Hersfeld am 21. November 1944

„Ich sah die Bomben fallen“

Werner Hassenpflug überlebte als Zwölfjähriger den Bombenangriff auf Hersfeld am 21. November 1944. Dort, wo jetzt das weiße Haus steht, an der Einmündung Beckersgraben/Friedloser Straße, stand damals das Doppelhaus, in dem er mit seinen Eltern und Nachbarn lebte, und das komplett zerstört wurde. Hassenpflug und ein Baby waren die einzigen Überlebenden aus dem Haus Nummer 25-27. Auf der Straße Am Beckersgraben – 1944 noch eher ein Feldweg – wurde er notdürftig versorgt. Foto: Maaz

Bad Hersfeld. „Um 12.15 Uhr sind die Bomben gefallen“, berichtet Walter Hassenpflug über jenen schicksalhaften 21. November 1944, vor genau 70 Jahren, den er als einer der wenigen überlebte, und an den er sich heute – oft mit Tränen in den Augen – wieder erinnert.

„Ich habe mit meinem Vater vor dem Haus gestanden und die Bomber angreifen sehen“, erinnert sich Hassenpflug, der damals zwölf Jahre alt war. „Sie kamen aus Richtung Haunetal, und plötzlich fiel eine Rauchbombe nach unten. Ich dachte kurz, das Flugzeug brennt. Aber das war das Signal für die anderen zum Bombenabwurf, das kannte ich aus der Modellbaugruppe bei der Hitlerjugend.“ Hassenpflug lief in die Küche, um seine Mutter zu warnen, die gerade das Essen zubereitete.

Der heute 82-Jährige weiß ganz genau, wer sich kurz vor dem tödlichen Angriff wo aufhielt. „Eine Nachbarin hatte die Decke für ihr Baby vergessen und eilte zurück ins Haus – das Mädchen blieb im Kinderwagen auf der Straße zurück.“

Dann sah der Zwölfjährige die ersten Bomben fallen. Wieder im Freien habe er sich instinktiv auf den Boden geworfen, sein Vater warf sich halb über ihn.

„Dann gab es einen gewaltigen Knall und um mich herum wurde es rabenschwarz. Ich schmeckte Mörtel im Mund und hörte meinen Vater noch stöhnen.“

Zwei Fünf-Zentner-Bomben, die eigentlich den Hersfelder Bahnhof treffen sollten, trafen das Doppelhaus an der Friedloser Straße 25-27, weitere schlugen ganz in der Nähe ein; einige detonierten auch erst später. 14 Menschen in der Friedloser Straßen kamen ums Leben, allein in dem Haus, in dem die Hassenpflugs lebten, waren es sieben.

„Irgendwann wurde es dann wieder hell, ich hörte Stimmen und erkannte schemenhaft Menschen, die mich aus den Trümmern zerrten. Ich hatte unheimliche Schmerzen, und nahm wahr, wie Ärzte und Schwestern an meinem Vater herumdoktorn.“ Am nächsten Tag wachte Hassenpflug im Hersfelder Krankenhaus wieder auf, mit Verbänden überall. Außer ihm hatte auch das Baby im Wagen überlebt. Dass seine Eltern tot waren, sagte man ihm erst viel später.

„Ich bekam viel Besuch, auch von der Hitlerjugend, und fragte jeden Tag nach meinen Eltern. Wenn meine Verwandten da waren, weinten sie, und ich wollte wissen: Warum weint ihr denn, ich lebe doch?“ Als er schließlich vom Tod der Eltern erfuhr, sei das wie ein Keulenschlag gewesen. „Ich wünschte mir, selbst tot zu sein.“

Von Nadine Maaz

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