HZ-Serie 250 Dinge, die wir an der Region mögen, Teil 13: Frielinger Platt, dess mer met Kennem meh geschwatz kann

E Steck Geschichte un Heimot sterrt uss

FRIELINGEN. Ech win jetzt e bessche ewwer Sechech on gehenn domet so langsam zo de Leste, des noch konne - Platt geschwatz. Ech win Frielinger on dos hee is Frielinger Platt. Awwer ech moss zogah, so ganz rechtech kann echs ai net meh. Dos lait do dron, dess mersch met Kennem meh geschwatz kann, beils Kenner meh verstett.

Serie zum HZ-Jubiläum
Warum fühlen wir uns hier so wohl? Weil unsere Region einfach schön ist! Weil die Hersfelder Zeitung in diesem Jahr ihren 250. Geburtstag feiert, wollen wir Ihnen in unserer Jubiläumsserie in loser Folge in den nächsten zwölf Monaten 250 Dinge vorstellen, die wir an unserer Region mögen.

Vonn Leweberjersch Bernd

Mit minner Cousine schwatz ech manchmo noch Platt, dee es zohn Joahr äller bee ech. Awwer met den annern? Good, es geht noch e poar, die winn vielleicht vier fönf Joahr jenger, de konnes au noch e bessche, awwer dos woars dann au.

Freher wurd im Derf nur Platt geschwatzt. De Oale, on dos wonn all, de so oald wonn be minne Ellern oder äller, schwatze Platt metenanger. Nur met ons Keng, met dän wurd Hochdeutsch gesprochen, oder zemengst dos, bos mer fer foffzech Joahr em Derf fer Hochdeutsch gehallen hot. Dos woar jo ai hessisch gefärrt. Wobai, hessisch getts je nett. Es Fernseh broacht so em de sechzecher oder zewwezecher Joahrn „Sendungen in hessischem Dialekt“, awwer dos wonn de Hesselbachs, onn dee schwatze Frankfurter Platt. Hessisch als Dialekt, so bee bayrisch oder sächsisch oder westfälisch oder friesisch getts eintlech gor net. Dos winn Dialekte, awwer Platt hot mit Dialekt so vill se donn wie holländisch mit schweizerisch, es klengt e bessche wie Deutsch, sinn awwer ganz annere Sproche.

Engerschiede em Platt

Do mottst je nur von Frielinge noch Häderschderf oder noch Gerschderf geh, do wurd schon anscher geschwatzt, on zweschen Engerneiwel on Äwel oder Eweneiwel wonn de Engerschiede em Platt so groß, do gobs schon boal Probleme sech zo verstenn. Ganz schlemm woarsch, bann mer en Gaisground komm, de schwatze schon werre e anner Sproch, on henger Äwel feng de Schwalm oan, do konnst de boal goar nex meh versteh. Bann fremme Liet ins Derf komme, wurd werre hochdeutsch geschwatzt, beil mer sech geschämt hot, fer sie Sproach. Es gob Ziehre, do woar mer nischt wärt, do wor mer glich de Droddel vom Derf, bann mer sech net oddentlich uusgedrek konnt. Dos woar die Ziet, bo dos Platschwatze langsam ze Eng geng. On hit geht’s nur noch Weneche des noch konne on des noch schwatze. Dos Schlemme dobai es, mer kann Platt net gelenn. Ma kann Englisch gelenn, oder Französisch ober boss ai emmer. Platt kammer nur geschwatz, bam mersch von Kaind off gehott on geschwatzt hot. On weils hit kenner meeh schwatzt kanns ai kenner meeh gehier, on so getts fer immer verluurn. E Steck Geschichte, e Steck Kultur, e Steck Heimot sterrt uss. Ain fer allemohl. Do bisst de Muus kenn Foahre ob.

Manchmo ärjer ech minne Jonge on schwatz Platt. Do getts Wetter, de verstehn de goa net. So bee „Nähnte“ oder „Abrahämche“ oder „Banschlouch“. On onser Meddelster, der es jetzt ewwer Drissich, der versecht manchmo Platt ze schwatze on ech kann nur gespräch: es klengt ferchterlech. Ach, on bann ehr dos not hot konnt geläs, ich schries och nochemoal - uff deutsch.

Platt – immer weniger Menschen können es noch Das Schlimme ist, es geht ein für alle Mal verloren

Von Bernd Löwenberger

Frielingen. Ich bin jetzt etwas über Sechzig und gehöre damit allmählich zu den Letzten, die es noch können – Platt reden. Ich bin Frielinger und das hier ist Frielinger Platt. Aber ich muss zugeben, so ganz richtig kann ich es auch nicht mehr. Das liegt daran, dass man es mit Keinem mehr sprechen kann, weil es keiner mehr versteht. Mit meiner Cousine spreche ich manchmal noch Platt, die ist zehn Jahre älter als ich. Aber mit den anderen? Gut, es gibt noch ein paar, die sind vielleicht vier, fünf Jahre jünger, die können es auch noch ein bisschen, aber das war es dann auch.

Früher wurde im Dorf nur Platt gesprochen. Die Alten, und das waren alle, die so alt waren wie meine Eltern oder älter, sprachen nur Platt unter einander. Nur mit uns Kindern, mit denen wurde Hochdeutsch gesprochen, oder zumindest das, was man vor fünfzig Jahren im Dorf für Hochdeutsch hielt. Das war ja auch hessisch gefärbt. Wobei, hessisch gibt es ja nicht. Das Fernsehen brachte so um die sechziger oder siebziger Jahre „Sendungen im hessischen Dialekt“, aber das waren die Hesselbachs, und die sprachen frankfurter Platt. Hessisch als Dialekt, so wie bayrisch oder sächsisch oder westfälisch oder friesisch gibt es eigentlich gar nicht. Das sind Dialekte, aber Platt hat mit Dialekt so viel zu tun, wie holländisch mit schweizerisch, es klingt ein bisschen wie Deutsch, sind aber ganz andere (eigenständige) Sprachen.

Du musstest ja nur von Frielingen nach Heddersdorf oder nach Gersdorf gehen, da wurde schon ganz anders gesprochen, und zwischen Niederaula und Oberaula waren die Unterschiede im Platt so groß, da gab es schon fast Probleme sich zu verstehen. Ganz schlimm war es, wenn man in den Geisgrund kam, die sprachen schon wieder eine andere Sprache, und hinter Oberaula fing die Schwalm an, da konnte man fast gar nichts mehr verstehen.

Wenn fremde Leute in das Dorf kamen, wurde wieder hochdeutsch gesprochen, weil man sich schämte für seine Sprache. Es gab Zeiten, da war man nichts wert, da war man gleich der Trottel vom Dorf, wenn man sich nicht „ordentlich“ ausdrücken konnte. Das war die Zeit, wo das Plattsprechen langsam zu Ende ging. Und heute gibt es nur noch Wenige, die es noch können und die es noch sprechen.

Das Schlimme daran ist, man kann Platt nicht lernen. Man kann Englisch lernen oder Französisch oder was auch immer. Platt kann man nur sprechen, wenn man es von Kind an gehört und gesprochen hat. Und weil es Keiner mehr spricht, kann es auch keiner mehr hören und so geht es für immer verloren. Ein Stück Geschichte, ein Stück Kultur, ein Stück Heimat stirb aus. Ein für alle Mal. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

Manchmal ärgere ich meine Jungens und spreche Platt. Da gibt es Wörter, die verstehen die gar nicht. So wie „Gestern“ oder „Messerchen“ oder „Lauchgemüse“. Und unser Mittlerer, der ist jetzt über Dreißig, der versucht manchmal Platt zu sprechen, und ich kann nur sagen: es klingt fürchterlich.

(Ach, und wenn ihr das (gestern) nicht lesen konntet, schreib ich es euch Morgen (Heute) nochmal – auf Deutsch.)

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