Der Holzwurm frisst die Bibel auf

+
Angenagte Kostbarkeit: Die Bibelkonkordanz von 1524, die in der Bibliothek der MSO steht, ist vom Holzwurm zerfressen.

BAD HERSFELD. Die weißen Handschuhe sind viel zu klein. Mühsam zwängt Karsten Backhaus seine Finger in den weißen Baumwollstoff, der Geschichte schützen soll. Mit sauberen Mickey-Mouse-Händen zieht er eine grüne Plastikplane vom Bücherregal. Die Luft riecht nach Staub, nach Leder und nach altem Papier. „Ich will gar nicht wissen, welcher Geldwert hier lagert“, sagt der neue Schulleiter der Modellschule Obersberg. „Ich glaube, dann kann ich nicht mehr ruhig schlafen.“

Karsten Backhaus sieht aus, als hätte er sich in die Kulissen des „Namen der Rose“ verirrt. Doch die vergilbten Bücher auf den Regalen sind keine Requisite. Sie sind der weitgehend unbekannte Schatz der ehemaligen Bad Hersfelder Klosterschule: geschätzte 30 000 Bände aus sechs Jahrhunderten, manche davon älter als die Entdeckung Amerikas. Unscheinbare Schatzkammer Seit fast 30 Jahren lagert die wertvolle Literatur nun schon hinter meist verschlossenen Türen. Jeder Schüler der MSO geht täglich an den Türen vorbei, hinter dem sich die Bücherschatztruhe verbirgt. Den Raum, in dem Karsten Backhaus steht, halten die meisten für einen Physiksaal.

„Von der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit ist die Lagerung in Ordnung“, versichert der Schulleiter. „Aber natürlich ist es nicht ideal.“ Vor einiger Zeit wurde zumindest das Risiko für feuchte Überraschungen beseitigt. Die Wasserrohre in der Zimmerdecke wurden gekappt, denn ansonsten hätte eine undichte Stelle zur Überschwemmung führen können. Vorsichtig nimmt Backhaus eine Bibelkonkordanz mit Holzeinband in die behandschuhten Hände. 1564 sagt das Titelblatt. Durch das vergilbte Papier haben sich Generationen von Holzwürmern genagt. Die Bücher, die in dicken grünen Ordnern katalogisiert sind, haben die Jahrunderte unterschiedlich gut überstanden. Einige Ledereinbände glänzen noch, andere Bücher haben Wasserschäden oder sind dilettantisch mit Klebeband geflickt. Papierne Brandopfer des Klosterschulenfeuers wurden nie versorgt. „Das tut natürlich weh“, sagt Karsten Backhaus und betastet die angefressenen Ecken eines Bibel-Nachschlagewerkes. Was eine Aufarbeitung des Bücherbestandes kosten würde, kann am Obersberg niemand ermessen. Der einzige Erfahrungswert ist eine handschriftliche Sophokles-Übersetzung von Dr. Konrad Duden, geschrieben 1880 und vor ein paar Jahren hübsch restauriert und gebunden. 300 Euro hat allein diese Buch-Therapie damals gekostet - und dabei handelte es sich lediglich um ein dünnes Bändchen in noch annehmbaren Zustand.

Diebstahl beim Umzug

Dass die Modellschule viele Jahre recht schweigsam mit ihren Kronjuwelen aus Papier umgegangen ist, bezeichnet Karsten Backhaus als Vorsichtsmaßnahme. „Wer weiß, auf welche Ideen jemand kommt“, sagt er. Und tatsächlich ist die Angst vor Diebstahl nicht unbegründet. Schon beim Umzug aus der Klosterschule verschwanden Bücher aus den Regalen, acht davon tauchten später in einem Leipziger Antiquariat wieder auf. Trotzdem wünscht sich Karsten Backhaus, dass die verbleibenden Reichtümer bald zugänglicher werden. Doch wie und wann das gelingen kann, ist noch ein ungeschriebenes Kapitel.

Kommentare