Von Hofschranzen und „unserer“ Zeitung

Kai A. Struthoff

Ein wenig stolz war ich schon auf unsere kleine Stadt, als ich am Donnerstagabend zur Stadtverordnetenversammlung ging. Die Parlamentarier mussten durch ein Spalier friedlicher Demonstranten gehen, die mit phantasievollen Plakaten auf ihre Anliegen aufmerksam machten.

Da standen Eltern mit ihren Kindern, die mit selbstgemalten Transparenten gegen eine Erhöhung der Kita-Gebühren protestierten. Da waren die Windkraft-Aktivisten von Wehneberg, deren Protestbewegung immer weiter wächst, je verfahrener die Lage wird.

Das ist gelebte Demokratie. Das ist eine Bürgerschaft, die sich einmischt und für ihre Belange eintritt. Endlich! So voll habe ich die Stadthalle bei einer Parlamentssitzung bisher noch nicht erlebt. Vermutlich waren die Zuschauer vom Ausgang der Sitzung enttäuscht, aber immerhin haben sie einen guten Eindruck davon erhalten, wie kompliziert und auch wie emotional Kommunalpolitik zuweilen ist. Deshalb gehe ich auch so gern in unsere Parlamente.

Gewiss, nicht alle Redebeiträge verdienten einen Rhetorik-Preis – gleichwohl: Die Ernsthaftigkeit, mit der hier um das Wohl der Stadt gestritten wurde, kann man wohl keinem der Parlamentarier absprechen.

Welche Rolle spielt aber nun die örtliche Tageszeitung in dieser Gemengelage zwischen Bürgern und Politik? „Ist das noch unsere Hersfelder Zeitung?“ fragte in der vergangenen Woche unser Leser Gerhard Retting in einem Leserbrief, in dem er sich über die angeblich zu negative Kommentierung des Festspielkonzepts von Thomas Fehling beklagte. Offenbar meinen immer noch einige, „unsere“ Zeitung müsse alles gut finden, was hier passiert, und kritiklos alles bejubeln, was aus dem Rathaus kommt – so wie es die örtlichen Hofschranzen tun.

Nun, wenn das so wäre, dann wären wohl auch die Demonstranten vor der Stadthalle nicht „unsere“ Mitbürger, nur weil sie nicht mit allem einverstanden sind, was unsere Stadtoberen ausbrüten. „Unsere“ freie Presse hat in „unserem“ freien Land auch eine Wächterfunktion. Journalisten haben die Aufgabe, unbequeme Fragen zu stellen, Kritik zu üben und Finger in Wunden zu legen. Auch wenn es mal wehtut. Viel mehr gibt mir deshalb zu denken, dass es auf der anderen Seite auch einige gibt, die „unserer“ Zeitung vorwerfen, dass wir nicht noch viel härter zupacken und das aussprechen, was viele andere nur auf der Gasse zu flüstern wagen. Vielleicht sollten diese Unzufriedenen sich aber ein Beispiel an den Demonstranten vor der Stadthalle nehmen und es wagen, selbst Farbe zu bekennen.

In der stürmischen Diskussion über die Windkraft in unserer Region verlieren wir ein wenig die anderen Aspekte der viel-beschworenen Energiewende aus den Augen. Die von Wirtschaftsminister Gabriel verkündeten Änderungen beim Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) fordern nämlich offenbar auch bei uns Opfer: Wie wir aus gut unterrichteten Kreisen hören, werden die Pläne für das von einigen schon lange totgesagte Gasturbinen-Kraftwerk im Fuldatal nun wohl endgültig beerdigt. Schade! Aber wir hören auch, dass es schon neue Pläne für das Gewerbegebiet gibt.

Das ist dann neuer Stoff für „unsere“ Hersfelder Zeitung.

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