Waldbegang am Wehneberg: Kritiker des Windpark-Projekts diskutieren mit Befürwortern

Hoch über allen Wipfeln

Haushoch überragen die Windräder den Wald am Wehneberg. Ein normaler Baum wird etwa 30 bis 40 Meter hoch, der Turm der Stiftsruine ragt 45 Meter auf, die Windräder aber sind mit ihren Rotoren 200 Meter hoch. Fotomontage: Henry Gressmann

Bad Hersfeld. So bekommt der Protest ein Gesicht. Zum Beispiel das von Carina Böhm und ihrem Mann Henning. Das sind junge Leute, wie sie Bad Hersfeld braucht. Nach dem Studium sind die beiden gut ausgebildet zurück in die Heimat gekehrt, um im idyllisch gelegenen Elternhaus am Rande des Stadtwalds ihr kleines Kind naturnah aufzuziehen.

Doch ihre Idylle ist in Gefahr. Nur 900 Meter vom Haus der Böhms entfernt soll eines von acht Windrädern stehen. Ihr Haus am Wehneberg gilt als Einzelgehöft, Mindestabstände gelten da nicht. „Wir sind schockiert“, sagt Carina Böhm mit bebender Stimme den rund 80 Waldwanderern, die sich am vergangenen Freitagnachmittag auf Einladung der Gegner des Windparks am Wehneberg zum Waldrundgang versammelt haben. „Wenn Sie unsere Familie nicht schützen, werden wir wegziehen“, appelliert Carina Böhm an die Stadtpolitiker.

Es war eine eindringliche und gut organisierte Kundgebung des geballten Bürgerunmuts, die von Markus Gressmann, fair, wenn auch bewusst nicht ganz unparteiisch moderiert wurde. Für das nötige Gegengewicht sorgten der Grüne Kreistagsabgeordnete, Förster und Windkraftbefürworter Jörg Althoff, die Vertreter von Abo-Wind Oliver Bieber und Florian Lüders sowie Stadtverordnete aus beiden Lagern.

Auch der Kinderarzt Dr. Georg J. Witte beteiligte sich an dem Waldspaziergang. Er warnte eindringlich vor den noch gar nicht ganz erforschten gesundheitlichen Auswirkungen der Windkraftanlagen: „Ständig rotierende Windräder bringen die Menschen an den Rand der Verzweiflung“, sagte er, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Arbeitsunlust, Mutlosigkeit und Depressionen könnten die Folge sein. „Als Mediziner bin ich erschrocken über die Tiefe des Problems“, bekannte er.

Fragen und Antworten

Die Befürworter der Windkraftanlagen bemühten sich ihrerseits, die Sorgen und Ängste zu zerstreuen und beantworteten dabei geduldig die immer gleichen Fragen. Jörg Althof erklärte, dass die Anlage nicht in Schutzbereichen wie etwa den Buchenhainen, sondern zumeist in Windschlaggebieten errichtet werden.

Doch er räumte auch ein, dass die rund 200 Meter hohen Rotoren die etwa 40 Meter hohen Wipfel des Waldes weit überragen werden.

Auch Fragen nach der Feuergefahr, dem Vogelflug, der notwendigen Verbreiterung der Zufahrtswege im Wald, der Anbindung an das Stromnetz und nach der Windhöffigkeit wurden erneut erörtert.

Dabei prallten die bekannten Argumente der Windpark-Befürworter allerdings immer noch unversöhnlich auf die ebenso bekannten Befürchtungen der Gegner des Projekts im Stadtwald. Doch immerhin gab es einen Dialog und so war der Waldrundgang ein gelungener Beitrag zur Versachlichung der Diskussion.

Inzwischen haben die Wehneberg-Aktivisten übrigens nach Angaben von Andrea Ziets, der Sprecherin der Bürgerinitiative, über 3400 Unterschriften gegen das Projekt gesammelt. Viele Sammelbögen stehen aber noch aus. Der Druck auf die Stadtverordneten wächst.

Von Kai A. Struthoff

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