HZ-Montagsinterview mit Bürgermeister Hartmut H. Boehmer über die Kündigung von Kurdirektorin Hochkirch

Hobby-Touristiker und Egoisten

Als alles noch gut war: Bürgermeister Hartmut H. Boehmer im August vergangenen Jahres mit der neuen Kurdirektorin Silvia Hochkirch.

bad hersfeld. Die Kündigung von Kurdirektorin Silvia Hochkirch noch in der Probezeit hat auch den Bad Hersfelder Bürgermeister Hartmut H. Boehmer überrascht. Kai A. Struthoff und Karl Schönholtz sprachen mit ihm über Hintergründe und Perspektiven.

Herr Bürgermeister, drei Kurdirektorinnen innerhalb eines Jahres und schon wieder steht die Stadt ohne da – wie konnte das passieren?

Hartmut H. Boehmer: Die Antwort ist ganz einfach. Ute Simon wohnt in Bad Salzungen, ist jeden Tag 90 Kilometer gekurvt und hat dann das Angebot bekommen, Kurdirektorin in Bad Liebenstein zu werden. Das sind hin und zurück nur 20 Kilometer. Sie hatte darüber hinaus familiäre Gründe. Wir haben das sehr bedauert, hatten aber Verständnis dafür.

Dann kam Frau Lüddecke-Niewerth...

Boehmer: Ja. Bei den Preisen, die wir anbieten, ist der Markt der Kurdirektoren sehr übersichtlich. Denn wenn potenzielle Bewerber 120 000 Euro per anno – netto – fordern, ist das nicht unsere Größenklasse. Hier muss ja immer gespart werden. Frau Lüddecke-Niewerth war stellvertretende Geschäftsführerin des Fremdenverkehrsverbandes Rhön und schien toll geeignet. Dass sie dann an der eigenen Psyche gescheitert ist, kann ich leider nicht ändern.

Sie standen also wieder am Anfang.

Boehmer: Ja. Und das war uns mittlerweile auch hochnotpeinlich. Diejenigen die am Rand stehen, hämisch grinsen und Blogs schreiben, die haben sich den Bauch gehalten vor Lachen. Interessanterweise war es dann so, dass uns der Fraktionsvorsitzende der CDU, Gunter Grimm, Frau Hochkirch angedient hat. Da sind Sie vielleicht platt?

Struthoff: Nö.

Schönholtz: Nö.

Boehmer: Nicht? Schade. Wir haben dann ihre Arbeitsfelder und eine Leistungsbeschreibung des Langen und des Breiten im Magistrat diskutiert und festgelegt. Wir haben uns dann vertagt, um noch einmal vor Abschluss der Probezeit darüber zu reden. Witzigerweise habe ich am 7. Dezember vormittags die Übernahme in ein unbefristetes Dienstverhältnis unterschrieben. Weil mittlerweile war es auch im Magistrat unstreitig: Jeder will die Frau. Gut.

Woran hat es denn dann gelegen, dass sie gekündigt hat?

Boehmer: Also, an jenem Montag, 7. Dezember, bekam ich nachmittags das Kündigungsschreiben, das allerdings nicht unterschrieben und deswegen nicht wirksam war. Ich war völlig schockiert. Ich habe ihr gesagt: Sie sind eine Führungskraft und können hier nicht einfach abhauen. Sie hatte früher hin und wieder von Schwierigkeiten erzählt. Da habe ich ihr gesagt, sie müsse durchhalten, das ist nun mal ein kompliziertes Pflaster hier. Auch für ihre Mitarbeiterinnen im Kurhaus kam es völlig überraschend, da hat sie die Schlüssel auf den Tisch geknallt und hat gesagt: Ich kündige.

Es kam also aus heiterem Himmel?

Boehmer: Es kam wirklich aus heiterem Himmel. Sie hat gesagt, sie sei gescheitert an den Strukturen. Ich sage, sie ist auch gescheitert an ihren eigenen Erwartungen.

Das müssen Sie erklären.

Boehmer: Mit den Struktueren meinte sie weniger den Stadtmarketingverein als solchen, sondern die Hauptakteure dort. Einer von ihnen hat diese Frau in einem Telefonat mir gegenüber verrissen, wie ich das noch nie erlebt habe. Da ist mir wirklich die Luft weggeblieben.

Wir haben allerdings gehört, Frau Hochkirch habe sich grob unprofessionell verhalten.

Boehmer: Das spielt hier keine Rolle. Es geht um die Art und Weise, wie über diese Frau hergezogen wurde, denn das wurde nicht nur mir gegenüber getan, sondern auch gegenüber anderen. Und wie das in einem Städtchen so ist, wird das weitererzählt und landet irgendwann auch bei der Frau Hochkirch.

Wir haben auch gehört, Frau Hochkirch habe in ihrem Computer sämtliche Geschäftsvorgänge gelöscht oder mitgenommen. Stimmt das?

Boehmer: Ich habe den Eindruck, so viele Geschäftsvorgänge hat sie gar nicht produziert.

War da noch mehr? Sie haben von Strukturen gesprochen.

Boehmer: Es reicht eben nicht aus, wenn man nur ein hübsch saniertes Fachwerkstädtchen hat. Man muss Eyecatcher, also außerordentliche Attraktionen haben. Und die hat auch der Stadtmarketingverein bisher nicht entwickelt.

Aber daran wird doch gearbeitet. Zum Beispiel der Schilde-Park, das ist doch eine Perspektive und eine reizvolle Aufgabe für eine Kurdirektorin....

Boehmer: Ja, Gott sei Dank, sonst wären wir ja wirklich arm dran. Aber im Augenblick haben wir nur die Festspiele. Also hat Frau Hochkirch gesagt, verkaufen wir die Festspiele. Um Gruppenangebote zu machen, ist Voraussetzung, dass man Betten hat. Doch sie bekam keine Betten. Sie ist voll gescheitert, weil die Hoteliers gesagt haben, während der Festspielzeit verkaufen wir unsere Häuser selber. Und außerdem geben wir keinen Rabatt. Damit war das Thema Gruppenreisen tot. Punkt.

Das ist aber vielleicht etwas kurzatmig...

Boehmer: Der Punkt, der für Frau Hochkirch das Fass zum Überlaufen gebracht hat, war dann Stadtverordnetenvorsteher Dr. Göbel mit seinen Kaisern und Königinnen. Sie hat gesagt, sie lässt sich von Hobby-Touristikern doch nicht ihr Aufgabengebiet vorschreiben.

Sie hatten von enttäuschten Erwartungen gesprochen.

Boehmer: Wir haben ihr immer gesagt, hier ist ein schwieriges Pflaster. Und wir haben ihr geschildert, wie das ist mit dem Stadtmarketingverein und den ganzen Akteuren, die alle Egoisten sind. Jeder hat nur sein Geld im Kopf, das Interesse an der Stadt ist nur vorgeschoben.

Aber das ist doch ganz legitim. Uns allen geht es so gut wie der Stadt, in der wir leben und arbeiten. Ganz so egoistisch, wie Sie es jetzt aus Ihrer Verärgerung sehen, scheint uns das nicht...

Boehmer: Ich bin nicht verärgert, ich will Ihnen nur meine Einschätzung schildern. Frau Hochkirch hat eben wohl doch nicht professionell genug gesehen, dass man hier etwas mehr Zeit braucht.

Wie geht es jetzt weiter?

Boehmer: Zunächst einmal habe ich kommissarisch die Leitung des Kurbetriebs übernommen. Stellvertretende Leiterin ist Maria Moog. Wir suchen im übrigen niemanden mehr, denn die Experten in Sachen Tourismus sind von Herrn Grimm – bis heute unwidersprochen – in einer Pressemitteilung genannt. Darin heißt es, der Vorstand des Stadtmarketingvereins weise umfassende Kompetenz auf. Also, wer braucht die Stadtverwaltung da noch?

Nun aber mal im Ernst, suchen Sie jemanden?

Boehmer: Mittelbar. Und zwar für das Thema Science Center – Wissen- und Erlebniswelt im Schilde-Park, das im September 2011 eröffnet. Dort wird ein Marketingdirektor eingestellt, der macht daneben Kurbetrieb und Tourismus. Denn das ist nachher das Wichtige: 120 000 Besucher dort und 120 000 bei Festspielen und Oper.

Lassen Sie uns noch einmal auf den Stadtmarketingverein kommen. Ist das Tischtuch jetzt zerschnitten?

Boehmer: Nein. Die sind solche Experten auf ihren Gebieten, die werden das Kind schon schaukeln. Das ist meine feste Überzeugung. Außerdem wollen sie ja auch ein eigenes Tourismuskonzept aufstellen.

Und als Stadt, als Partner sind Sie nach wie vor dabei?

Boehmer: Wenn wir gefragt werden.

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