Bernhard Schiller im Interview über Gott und die Welt

Himmel wird zur Hülse

Gott stärkt ihm den Rücken: Bernhard Schiller, Moderator des Pastoralverbundes Hersfeld-Rotenburg. Foto: Schleichert

Bad Hersfeld. Einmal im Jahr, an Weihnachten, predigt er vor voll besetzten Bänken. Warum er Weihnachtschristen nicht zu mehr Frömmigkeit bekehren will und warum die Kirche viele Gläubige nicht mehr erreicht, erklärt Pfarrer Bernhard Schiller, Moderator des katholischen Pastoralverbundes Hersfeld-Rotenurg, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Herr Schiller, wer ist der größte Feind der Frömmigkeit?

Bernhard Schiller: Wenn ich nur über meine Feinde weiß, wer ich selber bin, habe ich zu wenig Selbststand.

Nennen wir es Ursache - die Ursache für den Mitgliederschwund Ihrer Kirche.

Schiller: Die demografische Entwicklung ist eine Ursache. Von immer weniger Menschen sind immer mehr immer schwerer für den Glauben zu gewinnen. Doch es gibt wahrlich mehr Gründe.

Der demografische Wandel ist nur ein Beleg dafür, dass sich die Welt von heute im Stechschritt verändert. Dass die Kirche diesem hinterherhinkt, wird ihr häufig vorgeworfen.

Schiller: Der Kirche gelingt es oft nicht, die Menschen zu erreichen. Sie wird als Dienstleister gesehen, der funktionieren soll. Menschen fragen nach Instant-Formeln, die ihnen helfen. Doch weder Gott noch seine irdischen Vertreter können diese so unmittelbar liefern. Fordernd sind auch die Verständigungsprobleme zwischen Binnenwelt von Kirche und Lebenswelten von Menschen.

Die Kirche bedient sich eines angestaubten Vokabulars.

Schiller: Lehrformeln sind Leerformeln geworden. Gnade, Himmel, Barmherzigkeit sind dann nur noch Worthülsen. Die Kirche hat die Aufgabe, diese Worte zu erklären.

Wer erklären will, muss auch ernst genommen werden.

Schiller: Hinter uns liegt das schreckliche Jahr, in dem der ganze Bodensatz hochgewirbelt wurde. Ein Resultat aus dem Missbrauchsskandal: Alles kommt auf den Prüfstand. Glaubwürdigkeit ist gefragt. Für manche geht freilich beim kirchlichen Angebot die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht auf.

Ist das eine existenzielle Bedrohung für Ihre Kirche?

Schiller: Nein. Aber es ist wirklich anstrengend, sich zu erneuern.

Heute geben uns Navigationsgeräte und Suchmaschinen im Internet Orientierung. Wozu Gott, wenn ich Google habe?

Schiller: Anfang, Ende, Höhe- und Tiefpunkte des Lebens werden von komplexen Fragen begleitet, für die nur das innere Navi, das wir auch Gewissen nennen, einen Weg findet. Christliche Werte und Erfahrungen sind dafür vielleicht mehr Wegweiser denn je zuvor.

An Weihnachten sagt die innere Stimme: Geh in die Kirche. Würde es helfen, ihren Gläubigen öfter ein schlechtes Gewissen zu machen?

Schiller: Jemandem bewusst schlechte Gefühle zu bereiten, ist Gewalt. Das will Jesus nicht. Für die Gekommenen hoffe ich, dass etwa an Weihnachten etwas von dem gefeierten Geheimnis mitgeht: Gott wird Mensch und ist uns ganz nahe. Wenn diese Erinnerung über das ganze Jahr klingt, schön. Einige geben der Begegnung mit Gott mehr Raum, dafür gilt es, bereit zu sein. Die Tür muss von innen aufgehen.

Von Pia Schleichert

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