Henner Göbel erlebte das Kriegsende in Bad Hersfeld als Zehnjähriger mit

„Hier stand alles Kopf“

70 Jahre später am gleichen Ort: Gemeinsam mit einigen älteren Jungen schaute Henner Göbel am 1. April 1945 von der am Waldrand auf dem Frauenberg gelegenen Schutzhütte Freudensteins Hütte – heute: Heußnerhütte – auf die Stadt, die in Flammen zu stehen schien. Sie eilten zurück, um den Erwachsenen von ihren Beobachtungen zu berichten. Foto: Maaz

Bad Hersfeld. Als Henner Göbel in den frühen Morgenstunden des 1. April 1945 gemeinsam mit einigen älteren Jungen aus der Nachbarschaft vom Frauenberg aus auf die Stadt schaute, bot sich ihnen ein Anblick, den Göbel nie vergessen wird. „Hersfeld schien in Flammen zu stehen“, so der 79-Jährige. Überall waren Brände und Rauchwolken zu sehen.

„Gut weggekommen“

Dass das Ausmaß der Zerstörung nicht ganz so schlimm war wie anderswo, zeigte sich erst später. „Wir sind noch gut weggekommen“, sagt Göbel heute.

70 Jahre ist es her, dass er als Zehnjähriger das Kriegsende in Hersfeld und den Einmarsch der Amerikaner erlebte. Doch die Erinnerungen sind noch lebendig. „Ich habe ein gutes Gedächtnis für jeden Quatsch, da kann ich mir auch das Wichtige merken“, erklärt Göbel schmunzelnd. Schon oft hat er als Zeitzeuge von den Kriegsjahren in „seinem“ Hersfeld berichtet.

Gemeinsam mit seiner Mutter und der Schwester lebte er damals wie heute am Lappenlied, das Mitte des 20. Jahrhunderts noch einem Feldweg glich. Der Vater war als Soldat in Norwegen und kehrte erst 1948 zurück, die Gärtnerei der Familie war geschlossen. „Damals waren viele Familien ohne Vater“, sagt Göbel. „Viele kamen nicht mehr zurück oder waren sehr lange in Gefangenschaft.“

Haus von Soldaten besetzt

Als Göbel am 1. April vom Frauenberg zurückkehrte, prangte an ihrer Haustür ein Schild, das sie darüber informierte, dass ihr Haus für die amerikanischen Soldaten geräumt werden müsse. „Hier stand alles Kopf“, erinnert sich Göbel. „Alle waren wie betäubt.“ Für einige Tage kamen die Göbels bei Nachbarn unter, der Hausstand wurde in der Gärtnerei untergebracht. Schließlich konnte aber doch die Familie zurück in ihr Haus: „Die Amerikaner sind nicht geblieben, weil wir kein Bad hatten“, erzählt Göbel.

Unter den Bürgern habe Hoffen und Bangen geherrscht. „Wir wussten ja nicht, was uns nun erwartet“, beschreibt Göbel die Situation. Er erinnert sich auch an Plünderungen, zum Beispiel des Schuhhauses Raacke. „Aber nach und nach musste das öffentliche Leben ja weitergehen.“ Strom, Wasser und Gas seien wiederhergestellt worden, wo die Versorgung ausgefallen war.

Den folgenden Sommer 1945 beschreibt Göbel als „wilde Zeit“ für die Kinder. Noch etwa bis September fiel die Schule aus. Auf das Quartier der amerikanischen Soldaten, die die Lazarette in der Stadt bewachten, hatte Göbel von seinem Elternhaus einen guten Blick. An der heutigen Meisebacher Straße etwa vom Kreisel bis zum Abzweig Simon-Haune-Straße hatten die Amerikaner einige Häuser besetzt.

„Oft rumgestromert“

„Wir sind oft dort rumgestromert“, erinnert sich Göbel schmunzelnd. „Wir durften auf den Jeeps mitfahren und ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Erdnussbutter und Pommes gesehen.“

Von Nadine Maaz

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