Bad Hersfelder Festspiele: „Carmen - Ein deutsches Musical“ im Spiegel der Kritik

Hier Jubel, dort Verriss

Als alles noch gut war: Jo und seine Marie (Kristin Hölck, Christian A. Müller) Foto: roda

Bad Hersfeld. Von Jubel bis Verriss reicht die Bandbreite der Rezensionen nach der Welturaufführung von „Carmen - Ein deutsches Musical“ bei den Bad Hersfelder Festspielen. Nachfolgend die wichtigsten Pressestimmen:

Frankfurter Rundschau

Es mag abwegig erscheinen, die berühmte Geschichte um eine fatale Leidenschaft ganz anders zu erzählen, aber in Bad Hersfeld ist nun in der Regie Nico Rabenalds ein mehr als passables Musical zu sehen, das man sich auch gut in Stadttheatern vorstellen kann.

Die Texte der Schriftstellerin Judith Kuckart bringen das ein oder andere „Sonnenschein/allein“-Klischee, sind aber oft originell. Kriegsgewinnler und Neu-Unternehmer, aber auch Traumatisierte zeigt das Musical. (...)

Komponist Schmidtke übernimmt einige Male die bekanntesten Bizet-Melodien - besonders schön, wenn pomadige Honoratioren zu Toreros werden. Ansonsten klingt alles solide, alles irgendwie vertraut aus Musical-Zusammenhängen. Aber das ist auch beim berühmten Andrew Lloyd Webber so.

Deutsche Presse-Agentur

Man stelle sich vor: Es ist Weltpremiere - und das Publikum pfeift drauf. Applaus spendete es aber schon für die zweite der drei großen Premieren bei den 60. Bad Hersfelder Festspielen. Einige Zuschauer erhoben sich voller Begeisterung von den Sitzen, einige wenige warfen Blumen auf die Bühne. Doch die Akteure schauten nach der Uraufführung von „Carmen - Ein deutsches Musical“ am späten Mittwochabend auf spärlich besetzte Reihen. Dabei hat das Stück das Potenzial zum Publikumsmagneten.

Hessischer Rundfunk

Der Star des Abends in Bad Hersfeld war eine herausragende Anna Montanaro, die das Publikum bei der Uraufführung von „Carmen - Ein deutsches Musical“ begeisterte. Die Hauptdarstellerin jedoch war enttäuscht: „500 freie Plätze fand ich merkwürdig“, murrte Montanaro. Früher auf dem New Yorker Broadway, nun wieder in Bad Hersfeld: Ihre Rückkehr zu den Festspielen hatte sich die einst dort gefeierte Anna Montanaro stimmungsvoller vorgestellt.

HNA Kassel

Die Besucher in der nur zu zwei Dritteln gefüllten Stiftsruine spendeten nach zweieinviertel Stunden heftigen Beifall, teils stehend. (...)

Musicalstar Anna Montanaro hat für ihre Carmen stückbedingt wenig Möglichkeiten, Sympathiewerte zu entwickeln, füllt die Figur aber würdevoll aus und verströmt kühle Erotik. (...)

Erzählerisch will das Musical ganz schön viel, manchmal scheint ein didaktischer Ton durch. Doch die Szenen sind stimmig gebaut, Rückblenden mit einer Erzählerin binden die Geschichten gut ineinander.

Starke Bilder und toll getanzte Choreografien zu Beginn. Der expressive Tanzstil ist hier (was in den großen Tableaus nicht durchgehend so bleibt) präzise erarbeitet und wohltuend originell.

Fuldaer Zeitung

Regisseur Nico Rabenald erfand für die offene Bühne wirkungsvolle Bilder und formte plakative Ensembles im geschmeidigen Wechsel mit intimen Szenen. Dabei wurde er von einer dynamischen Choreografie unterstützt. Die Musik war bei Christoph Wohlleben und seinem präzisen Orchester in den besten Händen.

Während man Anna Montanaros Carmen „verruchte Schönheit“ und gefährliche Düsternis darstellerisch nicht abnehmen wollte, überzeugte Christian Alexander Müller stimmlich und schauspielerisch als Jo, ein unschuldiges Weichei, das den Boden unter den Füßen verliert.

Gießener Allgemeine

„Carmen – Ein deutsches Musical“ kann bei den Bad Hersfelder Festspielen nicht überzeugen. Gute Akteure treffen auf durchwachsene Musik. Wem es an eigenen Ideen mangelt, dem muss nicht bange sein. In den Weiten des Kompositionskosmos ist für jeden etwas dabei. Zum Beispiel Bizets „Carmen“. (...)

Der Erfolg scheint programmiert, wenn motivierte Akteure auf der Bühne stehen und ein spielfreudiges Orchester (am Pult: der bewährte Christoph Wohlleben) im Graben sitzt. Am Ende der Premiere gab es vom Publikum Standing Ovations. Das spricht für sich.

Dagegen spricht eine Menge. Etwa die Musik. Komponist Wolfgang Schmidtke hat sich dem Jazz, Swing und Big-Band-Sound verschrieben und bei einigen Titeln mächtig auf die Tube gedrückt. (...)

Die Stimmführung in den Duetten lässt eine klare Linie vermissen, die Quartette und Chorszenen verfügen zwar über leidlich Spielwitz, reißen aber nicht vom Hocker, und einen Hit – also einen eigenen, selbst geschriebenen und dereinstigen Evergreen - sucht man vergebens.

Stattdessen wird Bizets Habanera „Liebe ist wie ein wilder Vogel“ zitiert und das nur schwer zu ruinierende „Auf in den Kampf, Torero“ derart mühsam persifliert, dass es körperlich schmerzt. Immerhin spielt keine Vuvuzela mit.

Göttinger Tageblatt

Das Unternehmen klingt wagemutig: Die feurige Spanierin soll ihr kompromissloses Leben in Deutschland verbringen. Dort nämlich hat Autorin Judith Kuckart ihre „Carmen“ angesiedelt.

Und weil ihr Auftrag sich auf das Genre Musical bezog, wurde der Komponist Wolfgang Schmidtke mit dem Schreiben entsprechender Musik betraut: Das Wagnis ist gelungen. (...)

Wunderschöne Bilder hat Rabenald inszeniert, schöne Einfälle wie zahlreiche Werbeplakate aus den 1950er Jahren oder Küchenutensilien-Musik eingebaut.

Und das Orchester unter der Leitung Christoph Wohllebens funktioniert prächtig. Ein runder Abend, den viele Zuschauer am Ende im Stehen beklatschten.

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