Interview mit Wilfried Gliem über den Spagat zwischen Volksmusik und Rock ’n’ Roll

Herzbube mit zwei Seelen

So kennen sie ihre Fans: Die Wildecker Herzbuben Wilfried Gliem (rechts) und Wolfgang Schwalm. Doch die beiden Volksmusiker können auch anders, wie sie jetzt im ARD-Fernsehgarten unter Beweis stellen. Dort schlugen sie auch rockige Töne an. Foto: Archiv/dpa

Mainz/Wildeck. Damit hatte wohl keiner der Zuschauer des Fernsehgartens im ZDF am vergangenen Sonntagmittag gerechnet: Die Wildecker Herzbuben, Wilfried Gliem und Wolfgang Schwalm, präsentierten in einer selten gesehenen Leidenschaft den millionenfach verkauften Queen-Song „I want to break free“. Vor allem der Hönebacher Wilfried Gliem, der den Hauptpart in diesem Livestück ohne Playback zu tragen hatte, wirkte geradezu euphorisch und authentisch. Bahnt sich hier etwas Neues an? Darüber sprachen Livia Zimmermann und Günter Breitbart mit Wilfried Gliem.

Wie fühlen sie sich nach diesem Auftritt?

Wilfried Gliem: Es war ein wunderbares Erlebnis, ich bin tief bewegt und gerührt. Danach spürte ich eine Euphorie in mir, die Rührung ist bis heute nicht verflogen. Ich komme an, fühle mich persönlich gelöst und beruflich motiviert.

Sie singen: „I want to break free“. Wohin wollen sie denn ausbrechen?

Gliem: Ich möchte nicht ausbrechen, ich entdecke wieder meine Wurzeln. Seit 50 Jahren bin ich leidenschaftlicher Musiker. Jeder Künstler entwickelt und verändert sich im Laufe seines Lebens. Vor allem aber möchte ich authentisch bleiben. Dazu gehört auch, dass ich überraschende Wege gehe.

Ihr erster Kommentar nach dem Auftritt war „Zwei Seelen leben ach in meiner Brust“. Was meinen sie damit?

Gliem: Die zwei Seelen stehen für meine Liebe zur volkstümlichen Musik und mein Bekenntnis zu meinen Wurzeln. Angefangen hat alles mit Beat und Rock ’n’ Roll. Diese Musik spiele ich bis heute gerne und möchte sie in Erinnerung halten.

Wie kamen sie überhaupt zur Musik?

Gliem: Aufgewachsen bin ich in Obersuhl. Anfang der 60er Jahre gründete ich eine Beatband mit zum Teil selbst gebauten Verstärkern. Wir ließen uns anstecken von der Aufbruchsstimmung dieser Zeit. Es war uns ein Bedürfnis mit unserer Musik unsere Ideale und Vorstellungen zu verkörpern. In Obersuhl gründeten wir den Beatclub Eastside-Center. Er wurde zum Kulttempel für viele Fans und Beatbands bis weit über Kassel hinaus.

Werden sie weiterhin die Klassiker der Wildecker Herzbuben spielen?

Gliem: Selbstverständlich bleibe ich meinen Volksmusik-Fans treu. Seit Anfang der 90er spielen wir „Herzilein“. Diese Ära gehört zu mir und wird erhalten bleiben.

Erinnern sie sich an einen besonders bewegenden Moment in Ihrer Karriere?

Gliem: 1972 bat man mich in Ungarn auf eine Open-Air-Bühne, um allein am Flügel „Yesterday“ zu singen. Zahlreiche Touristen hatten Tränen in den Augen. Mit Titeln der Beatles verbinden mich besondere Erinnerungen.

Viele Künstler versuchen sich immer wieder in fremden Musikrichtungen…

Gliem: Ja, ich weiß. Wir werden davor gewarnt. Doch wir bewegen uns nicht in fremden Metiers. Es ist die Geburtsstunde unseres Musikerdaseins. Die Beatmusik, die Kreativität der 60er und 70er und die Aufbruchsstimmung prägten uns persönlich und künstlerisch.

Kehren sie zurück zu ihren Wurzeln?

Gliem: Das wäre eine vordergründige Betrachtung. Wir lieben unsere Herzbubenmusik und danken unseren Fans für die jahrzehntelange Treue. Die ursprüngliche Musik aus unseren Anfangsjahren ist die Quelle unserer Musikalität und Leidenschaft. Das sind die zwei Seelen, die in mir wohnen. Wir wollen immer authentisch sein und öffentlich dazu stehen.

Wagen sie einen Blick in die Zukunft?

Gliem: Unseren volkstümlichen Fans bleiben wir immer erhalten. Das ist ein Versprechen. Zudem wagen wir zukünftig den Spagat zwischen „Herzilein“, „Yesterday“ und „I want to break free“. Das sind die Wurzeln unserer Leidenschaft. Sie erweitern unser Repertoire. Wir bieten damit unseren Fans generationsübergreifende Musik. Die Begeisterung unserer jungen Zuschauer am Sonntag war unglaublich und sehr motivierend. Zukünftige Projekte sind gerade in Planung und noch offen. Die volle Bandbreite dieser Musik wird überraschen.

Kommentare