Hersfeld bleibt unsere Heimat

Für Hartmut H. Boehmer wird ausnahmsweise sogar das Rauchverbot in den HZ-Redaktionsräumen aufgehoben. Mit dem Zigarillo in der Hand präsentierte sich der scheidende Bürgermeister nachdenklich, selbstkritisch doch immer noch voller Ideen im Interview mit Karl Schönholtz und Kai A. Struthoff.

Herr Boehmer, wie hat man in Ihrem Umfeld auf Ihre Entscheidung reagiert, früher aus dem Amt zu scheiden? Hartmut H. Boehmer: Mein Weg von unserer Wohnung zum Rathaus dauert seither sehr viel länger. Viele Menschen sprechen mich an, oder sie rufen an und schreiben. Viele sind traurig, bedauern meine Entscheidung. Doch es gilt ein Satz, den mir unser Intendant Holk Freytag gesagt hat: Es gibt ein Leben vor dem Tod. Das ist treffend. Und das verstehen eigentlich alle.

So ganz loslassen wollen Sie aber nicht, wenn Sie anbieten, weiter für die städtischen Gesellschaften zu arbeiten. Manche befürchten deshalb, Ihr Nachfolger könnte zu einem Frühstücksdirektor werden?
Boehmer: Es ist schon einigermaßen bemerkenswert, das Amt des Bürgermeisters nur für sich als „Frühstücksdirektor“ zu bezeichnen. Früher gab es für diese Aufgaben sogar zwei hauptamtliche Mitarbeiter. Ich mache es allein. Und da muss man sich ganz schön sputen. Aber das Projekt Schilde-Park schreitet bis zum Wahltag voran. Vielleicht kann sogar die SPD daraus Honig saugen. Das gefällt den anderen Parteien nicht. Ich halte diese Äußerungen daher für reine Wahltaktik.

Sind Sie denn für das Schilde-Projekt unverzichtbar?
Boehmer: Also, meine Frau war gar nicht begeistert von meinem Angebot, dieses Projekt weiter zu begleiten. Aber ich möchte aus Verantwortung für dieses Projekt nicht kneifen. Ich bin nun mal der Spezialist in diesem Bereich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand als Bürgermeister anfängt und zugleich dieses 25-Millionen-Euro-Projekt umsetzt. Deshalb habe ich gesagt, ich stehe zur Verfügung, um das Projekt zu Ende zu führen.

Das Amt des Bürgermeisters hat sich dramatisch geändert. Welche Qualifikation muss ein Bewerber mitbringen?
Boehmer: Es muss eine Persönlichkeit sein, die von ihrer Kompetenz und Ausstrahlung anerkannt ist. Ein Macher, ein Kämpfer. Außerdem muss der Bewerber oder die Bewerberin quasi innerhalb von drei Tagen den Haushalt verinnerlicht haben. Der Haushalt ist das wichtigste Handlungsinstrument. Wer auf dieser Klaviatur nicht spielen kann, hat verloren. Und ein Bürgermeister muss arbeiten wollen – manchmal wie ein Verrückter. Man ist ja oft sein eigener Sachbearbeiter. Sie dürfen sich nicht zu schade sein, selbst Vorlagen zu pinseln, wie ich es nenne. Natürlich muss ein Bürgermeister auch eine Mehrheit haben, das ist wichtig. Das Wichtigste aber überhaupt ist, dass die Familie voll dahinter steht – mit allen Konsequenzen. Der Beruf des Bürgermeister ist eigentlich familienfeindlich. Meine erste Ehe ist daran gescheitert.

Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Kandidaten, die jetzt genannt werden?
Boehmer: Dazu sage ich nichts.

Sind Sie an der Suche nach einem Nachfolger beteiligt?
Boehmer: Nein! Ganz bewusst nicht.

Na, es reden ja schon genug Leute mit. Wie bewerten Sie die „Einmischung“ des Innenministeriums in Sachen Wahltermin?
Boehmer: Ich betrachte das mit Kopfschütteln. Das ist das erste Mal, dass mir so etwas passiert. Ich selbst habe mich in Wiesbaden immer zurückgehalten. Dabei kenne ich Innenminister Bouffier eigentlich ganz gut. Deshalb hätte ich schon einen persönlichen Anruf von der obersten Heeresleitung erwartet. Ich will aber auch nicht ausschließen, dass dabei womöglich andere Einflüsterer am Werke waren.

Für ein Resümee Ihrer Amtszeit ist es noch etwas früh: Gleichwohl, was waren die Höhepunkte für Sie als Bürgermeister?
Boehmer: Ach ja, das kann ich so nicht sagen. Das Amt des Bürgermeisters ist eine Erfahrung von Höhen und Tiefen. Der Weg zu Entscheidungen ist mit Enttäuschungen und Frust verbunden. Aber die Ansiedlung von Amazon II., oder der Bahnhof, das war schon wichtig. Manchmal sind es aber nur kleine Dinge. Zum Beispiel die Sanierung der Kapelle auf dem Hauptfriedhof oder der Hospitalkapelle.

Gab es Tiefpunkte?
Boehmer: Viele, ich bin ja auch mit vielem gescheitert. Manche Ideen lassen sich nicht realisieren. Man muss das Leben in Demut nehmen wie es ist.

Wie wird das Leben des Pensionärs Boehmer aussehen? Bleiben Sie der Stadt erhalten?
Boehmer: Ja, natürlich. Die ganzen Gerüchte von Teneriffa oder so sind alle Quatsch. Wir suchen eine neue Wohnung und bleiben hier. Denn es gibt etwas ist dieser Stadt, worauf ich richtig stolz bin: Meine Frau und ich, wir haben hier ein Grab für zwei Urnen. Es ist ein altes, historisches Stadtgrab. Und deshalb bleibt die Stadt hier unsere Heimat.

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