Festspielkonzerte: Singakademie Dresden mit Mozart und Brahms in einem geistlichen Chorprogramm

Wo ist ein so herrlich Volk

Die Dresdener Singakademie und die Sinfonia Silesia Kattowitz gestalteten mit den Solisten Johanna Knauth, Uta Runne, der Dirigentin Christiane Büttig sowie Adam Sanchez und Jeremy Bowes (v.l.) das Festspielkonzert in der Stiftsruine. Foto:  von Trott

Bad Hersfeld. Musiker wie Musikpublikum brauchen ein Repertoire, einen Werkvorrat, eine Fundgrube, um ihren Bezug zur Musik, zu Machart und Aussage, Epoche und Stil, Gattung und Besetzung, Leistungsanspruch und Aufführungsfragen zu klären. Ein bestehendes Repertoire wirkt wie ein Dauerimpuls, Neues kennen- und verstehen zu lernen. Die Bad Hersfelder Festspielkonzerte bieten dazu in diesem Sommer an zehn Wochenenden ungewöhnlich viele Anlässe. Zum Beispiel am gerade zurückliegenden zweiten.

Renommierte Gastchöre

Chormusik lässt sich rein äußerlich in geistliche und weltliche unterscheiden (nach der Textgrundlage) wie auch in instrumental begleitete und unbegleitete (a cappella). Alle vier Merkmale waren am Samstag und Sonntag vertreten. Mit Brahms’ Fest- und Gedenksprüchen op. 109 und Mozarts Requiem d-Moll KV 626 am Samstag also die geistliche Chormusik. Auffällig seit einigen Jahren die Einladung an renommierte Gastchöre – diesmal an die Singakademie Dresden, wie so viele Vereinigungen im wilhelminischen Deutschland aus der bürgerlich-nationalen Singbewegung hervorgegangen und bis heute ein in sich gefestigtes, im Qualitätsbewusstsein sicherlich noch gewachsenes Ensemble.

Vier Chorabteilungen mit insgesamt 230 Sängern werden in Dresden „akademisch“ betreut, die achtzig des A-Teams waren in die Stiftsruine gekommen. Im Opus 109 gelang es ihnen, die typisch Brahms’sche dichte Notentextur (achtstimmig gemischter Chor) mit einem breiten, transparenten Klangpanorama zu verknüpfen. Wie selbst ein so großes Sängerkollektiv zu einer mitteilungskräftigen Kollektiv-Persönlichkeit finden kann, das zeigten unter Christiane Büttigs ruhig-sachlicher Leitung diese drei Stücke auf Bibeltexte - Psalm 22 und 29 für „Unsere Väter hofften auf dich“, Lukas 11 und Matthäus 12 für „Wenn ein starker Gewappneter“ und 5. Buch Mose, Kap. 4 für „Wo ist ein so herrlich Volk“.

Im Mozart-Requiem wechselte das Dirigat zu Prof. Ekkehard Klemm, seit 2004 künstlerischer Leiter der Singakademie. Mit der trockenen Akustik der Stiftsruine bereits vertraut, konnte er besonders in den Sätzen von „Dies irae“ bis „Lacrymosa“ rasche Tempi wagen. Das ergab, zusammen mit der chorischen Agilität und Klangkonzentration, eine fließende und schwingende, eine rhythmisch und dynamisch flexible, eine bei aller Abgründigkeit der Thematik doch gefasste und markante, ja eine spontane Werktotale. In sie waren auch die vier Vokalsolisten Johanna Knauth (Sopran), Uta Runne (Alt), Adam Sanchez (Tenor) und Jeremy Bowes (Bass) nahtlos eingebunden, in puncto Reinheit und Feinheit der Linienbildung mit Vorteilen auf der weiblichen Seite.

Mit sanftem Pathos

Ein in der Bläserdelikatesse von Bassetthörnern (= tiefen Klarinetten), Fagotten, Posaunen und Trompeten spezifischer Klangträger ist im Mozart-Requiem das Orchester. Mit sanftem Pathos und wachem Verstand fügte sich die Sinfonia Silesia perfekt in die Wiedergabe ein. Am Ende, nach 45 kurzen Requiem-Minuten: langer Beifall der nahezu 500 Besucher.

Von Siegfried Weyh

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