Weiterer Prozess um die Abzocke eines leichtgläubigen Hersfelder Geschäftsmannes

Herr Schmidt kassiert ab

Bad Hersfeld. Ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Gerichtsverfahren fand gestern in Bad Hersfeld statt. Es ging um sehr viel Geld, um die dreiste Abzocke eines leichtgläubigen Geschäftsmannes und auf hohem juristischen Niveau um die Frage, ob der Angeklagte auf Bewährung in Freiheit bleiben darf.

Der Prozess war bereits der zweite vor dem Schöffengericht, in dem sich ein Hersfelder Sinti dafür verantworten musste, den 77-jährigen früheren Unternehmer schamlos ausgenommen zu haben. Unter dem falschen Namen „Schmidt“ bat der 30 Jahre alte Angeklagte nach entsprechenden Tipps von Bekannten im Mai 2012 um ein Darlehen von 31 200 Euro. Er erhielt das Geld, zahlte aber natürlich keinen Cent zurück. Im Juli flunkterte der Sinti dann dem Geschäftsmann vor, er werde von der russischen Mafia um 20 000 Euro erpresst. Als der alte Herr nicht zahlen wollte, erklärte der Angeklagte, 17 000 Euro selbst aufbringen zu können, die fehlenden 3000 jedoch auf keinen Fall. Die benötige er unbedingt, sonst käme eben die Mafia... Der Geschäftsmann zahlte.

Erst der dritte Versuch des Angeklagten, auf diese Weise zu Geld zu kommen, scheiterte. Im September versprach der der Ex-Unternehmer auf die Bitte nach einem weiteren Darlehen über 12 000 Euro eine Auszahlung am folgenden Tag. Tatsächlich informierte der Geschäftsmann jedoch die Polizei, die den Betrüger dann einkassierte.

Die Leichtgläubigkeit des betuchten Opfers hatte sich zu dieser Zeit in gewissen Kreisen herumgesprochen: Insgesamt wurde der Geschäftsmann unter haarsträubenden Vorwänden um etwa eine Million Euro erleichtert. Zwei weitere Verfahren mit vergleichbaren Vorwürfen gegen andere Angeklagte werden noch folgen.

Im gestrigen Prozess stritten Staatsanwalt Andreas Hellmich und der Verteidiger, Rechtsanwalt Philipp Götze aus Hamburg, engagiert um eine Strafaussetzung zur Bewährung. Denn der Angeklagte war nach einer einschlägigen Vorbelastung streng genommen ein Bewährungsversager. Außerdem verlangt das Gesetz „besondere Umstände“, die bei einer Strafe von mehr als einem Jahr eine Aussetzung zulassen. Dies sah Hellmich nicht als gegeben an, während Götze mit einer Reihe von positiven Punkten dagegen argumentierte.

Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Michael Krusche verhängte zwar wie von der Staatsanwaltschaft beantragt ein Jahr und zehn Monate Freiheitsstrafe, gewährte aber die von der Verteidigung angestrebte Bewährungschance. Ausschlaggebend dafür war das umfassende Geständnis des Angeklagten, das zum einen eine komplexe Beweisaufnahme überflüssig gemacht hatte, vor allem aber dem Geschädigten ein weitere peinliche Zeugenaussage ersparte.

Von Karl Schönholtz

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