„Die verkaufte Braut“, wie sie jeder liebt - Zehn Minuten Premierenapplaus in der Stiftsruine

Heiterkeit - ernst genommen

Was wirklich die Bühne der Stiftsruine bei der Aufführung von „Die verkaufte Braut“ zum Sprechen bringt, Milieu schafft, das Auge labt, ist das Rot und Weiß, Grün und Schwarz, Braun und Beige der Gewänder. Foto: Hartmann

Bad Hersfeld. „Die verkaufte Braut“ zur Kur in Bad Hersfeld. Selten war die Bühne der Stiftsruine so bunt und bewegt, so voll von Menschen und Musik wie bei dieser witterungsbegünstigten ersten Premiere der 32. Opernfestspiele.

Und doch: Die Opernkunst, die Beteiligte und Publikum als luxurierendes Element unseres Kulturbetriebs zu betrachten sich angewöhnt haben, wird in Bedrich Smetanas komischer Oper und an diesem Spielort auf gesundes, bekömmliches, belebendes Maß zurechtgerückt.

Die Bühnengestalten treibt das um, was wir gern verbergen: Der Drang nach menschlicher Nähe, Zusammengehörigkeit, nach Liebe, Lebensfreude, Genuss. Munter machen gilt, nicht mies machen. Einmütiger, zehnminütiger Applaus war am späten Abend Bestätigung und Dank der Besucher im weiten, fast gefüllten Parkett.

Josef Novák wäre kein waschechter und in der Opernregie enorm erfahrener Tscheche, wüsste er nicht, was diesem klingenden Porträt seines Volkes zusteht: Heiterkeit, aber ernst genommen. Der größte Bühnenzauber geht bei ihm davon aus, was die Musik im Menschen bewirkt. Und das ordnet sie auch immer noch am wirkungsvollsten dem gewaltigen Bühnenrahmen des Ruinen-Mauerwerks ein.

Was das Auge labt

Leiterwagen, Getreidegarben, Wirtshaustische und -bänke, Jahrmarktstände, das genügt in den drei Akten als Bühnenausstattung. Dazu Requisiten wie Mistgabel, Nähkorb, Lebkuchenherz und natürlich Bierkrug, Bärenkostüm, Wurfbeil.

Was wirklich die Bühne zum Sprechen bringt, Milieu schafft, das Auge labt, ist das Rot und Weiß, Grün und Schwarz, Braun und Beige der Gewänder, die Ute Krajewski in nimmermüder Akzentuierung und Abwandlung entworfen hat. Marie trägt in jedem Akt ein anderes. Darin muss man sich einfach wohl fühlen und gern zeigen. Und gern bewegen.

Was Novák an Variabilität der Personenführung, bis hin zum stummen Spiel, was Michèle Meckbach mit ihren jungen Ballettschülerinnen an tänzerischer und akrobatischer Aktion herzeigen, das ist ein Fest fürs Auge.

Hirn, Herz, Humor

Und eins fürs Ohr dasjenige, das Siegfried Heinrich als ausdauernd und kreativ mitgestaltender Dirigent der Virtuosi Brunenses aus Brünn beisteuert. Böhmen und Mähren von ihrer schönsten Seite, mit filigran geknüpftem Streicherteppich und zwei Klarinetten als instrumentalem Widerhall des singenden Liebespaares.

Hans und Marie - Fritz Feilhaber und Amber Opheim -, sie bezaubern damit, was Partnerschaftsanzeigen in das Kürzel HHH fassen, Hirn, Herz und Humor. Er zudem mit einem gesunden, jugendlich-energievollen, attackefreudigen, höhensicheren Tenor, sie mit organischen Gesangsbögen und fein empfundenen Abtönungen. Kezal, der Heiratsvermittler, und Wenzel, der Stotterer, also Martin Ohu (Bass) und David Sitka (Tenor), geben der Komik, was sie braucht, nämlich eine präzise stimmliche Charakterisierung durch saftigen, flexiblen vokalen Fluss bzw. helle, flinke, pointierte, kaum je chargierende Tonproduktion.

Bei den beiden Elterpaaren mehr stimmliches Karat auf der Frauen- (Manuela Bress, Julia Fercho) als auf der Männerseite (Michael Chacewicz, Young-Ho Jeong). Auch aus dem Trio der Zirkusleute ragt die weibliche Stimme leicht heraus (Anne-May Krüger als Esmeralda). Am ergiebigsten aber finden Auge und Ohr, Farbe, Bewegung und Klang in den Chorauftritten zueinander. Immer wieder erstaunlich, wie da die Menge im Festspielchor Individualität gewinnt. Und ebenso, was jeder Einzelne opfert und leistet - ehrenamtlich.

Auch in 500 Jahren

Martin Maria Krüger (Berlin), der Präsident des Deutschen Musikrates, hatte in seiner Begrüßungsadresse die Hoffnung geäußert, nach einem halben Jahrhundert Konzert und Oper in der Stiftsruine möge es auch in 50 Jahren noch so sein. Wir sagen kühn: In fünfhundert.

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