Musikalische Gastspielreise in die Ukraine

Heinrich erlebt den Frühling in Kiew

Siegfried Heinrich Foto: nh

Bad Hersfeld. Musiker verbinden mit dem Frühlingsanfang den Geburtstag Johann Sebastian Bachs. Am 21. März war es der 327. Ganz schön alt – und doch für immer jung. Bachs Musik bleibt es, und junge Musiker wachsen nach. Eine Erfahrung, die soeben Professor Siegfried Heinrich machte, als er in Kiew zehn Tage lang mit dem dortigen Knabenchor „Dzvinochok“ drei Bachsche Vokalwerke erarbeitete und im Konzert aufführte.

Erfahrungen aus der Jugend

Erfahrungen aus der Jugend sind die nachhaltigsten, meint der künstlerische Leiter von Bachtagen, Festspielkonzerten und Opernfestspielen in Bad Hersfeld. Heinrich, selbst einst Sänger im Dresdner Kreuzchor, hat sich bis ins Alter ein Faible für die musikalisch begabte Jugend bewahrt. Den Kiewern, seit 1967 als Chor bestehend, bescheinigt er hohe Konzentration und Aneilnahme – „das gilt sowohl für die musikalischen als auch sprachlichen und theologischen Aspekte“.

Immerhin hatten sie drei hochkarätige Werke einzustudieren: die Kirchenkantaten „Erfreute Zeit im neuen Bunde“ BWV 83 und „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ BWV 100 sowie die Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“ BWV 225, die auch die jubilierenden Thomaner (800. Gründungsjahr) kürzlich erst in der Leipziger Thomaskirche vor dem neuen Bundespräsidenten sangen.

Knabenchöre sind Kommunikationszentren. So bekamen die Kiewer den Konzertmitschnitt einer Bad Hersfelder Aufführung der Johannes-Passion in die Hände, bei der der Posener Knabenchor mitwirkte. Das ließ sie über Polen den Kontakt nach Osthessen suchen und sich ein Stückchen ukrainischer Sehnsucht nach Europa erfüllen. Denn in der ersten Aprilhälfte gastiert der Kiewer Knabenchor seinerseits zwölf Mal in Hessen und Thüringen unter anderem in Darmstadt, Frankfurt, Fulda, Kassel, Weimar und am Gründonnerstag und Ostersonntag auch zu den Bachtagen in Bad Hersfeld.

Der hessische Reisende wiederum schwärmt von der Vier-Millionen-Metropole am Dnjepr-Strom. Kiew, frühes Zentrum russischer Geschichte und heute die Hauptstadt der Ukraine, des zweitgrößten europäischen Flächenstaates, „ist eine Stadt der Kirchen mit vergoldeten Türmen sowie wertvollen Mosaiken und Fresken, auch an den Außenwänden. Die Sophienkirche, ein architektonisches Meisterwerk aus dem Jahr 1037, gehört zum Unesco-Weltkulturerbe.“

Dürfen wir also schon jetzt Musik aus Kiew hören, so liefert uns gewiss das Fernsehen ein Bild der fernen, fremden Stadt, denn am 1. Juli steigt dort das Fußball-Europameisterschafts-Finale der Männer. Bach aber kam nie bis Kiew. Als desto wichtiger stuft Heinrich solche kulturellen Begegnungen heute ein. (siw)

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