Irene Bofill Vera aus Spanien hofft bei uns auf ein besseres Leben für sich und ihre Töchter

Heimatlos in Bad Hersfeld

Lächeln für die Zukunft: Irene Bofill Vera und ihre Tochter Maria (links) suchen in Bad Hersfeld eine neue Heimat. Foto: Kai A. Struthoff

Bad Hersfeld. Europa ist in Aufruhr. Ganze Staaten wanken. Nach Griechenland braucht jetzt Spanien Finanzhilfe und will unter den Euro-Rettungsschirm. Die 51-jährige Irene Bofill Vera hat in Barcelona die Krise am eigenen Leib erfahren. Doch anstatt auf Hilfe von anderen zu warten, hat sie ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Auf der Suche nach Arbeit und einer besseren Zukunft für sich und ihre Töchter, kam sie nach Bad Hersfeld.

Eigentlich stammt Irene aus Quito in Ecuador, dem zweitärmsten Land Südamerikas. Ihr Vater ist Spanier, sie selbst ist Lehrerin für Mathematik und Sport. Doch die wirtschaftliche Not in dem Andenstaat treibt sie zunächst in die USA, später, im Jahr 2000, wandert sie mit ihren drei Töchtern nach Spanien aus. „Mit dem Vater meiner Mädchen gab es viele Probleme“, sagt sie knapp.

Angst vor Arbeitslosigkeit

In Barcelona arbeitet Irene als Köchin in einem Seniorenheim. „Doch die Situation in Spanien wurde in den letzten Jahren immer schlechter“, erzählt sie. Immer mehr Menschen verloren ihre Arbeit, die Lebenshaltungskosten stiegen, staatliche Hilfsprogramme wurden gekürzt. Schließlich verliert auch Irene ihren Job. „Ich hatte Angst, in meinem Alter keine neue Arbeit mehr zu finden, weil doch in Spanien sogar viele junge Leute keinen Job haben“, erzählt sie.

Ein Job bei Amazon

Auf dem Arbeitsamt in Barcelona hört sie zum ersten Mal von Bad Hersfeld. Amazon sucht Mitarbeiter für das Weihnachtsgeschäft und wirbt auch in Spanien um Arbeiter. Irene überlegt nicht lange. Ihre jüngste Tochter, die damals 15-jährige Maria, lässt sie in der Obhut der beiden älteren Schwestern, die 25 und 22 Jahre alt sind, und selbst schon Kinder haben.

Bei Amazon arbeiten im Herbst 2011 viele gut ausgebildete Spanier: Ingenieure, Hochschuldozenten und Lehrer – wie Irene. In Kirchheim wird ihr ein Quartier zur Verfügung gestellt. Während ihre Mutter monatelang in Bad Hersfeld Geld für die Familie verdient, gerät Maria daheim in schulische Schwierigkeiten. Ihre Zensuren rutschen ab. Die familiäre Lage spitzt sich zu. Irene wird vor Sorge um ihre Kinder krank. Amazon bezahlt ihr die Rückreise nach Spanien – aber sie erhält auch die Kündigung.

In Spanien hätte Maria keine Chance mehr, eine staatliche Schule zu besuchen. Dort endet die Schulpflicht mit 16 Jahren. Auch Ausbildungsplätze sind rar. „Es gibt dort keine Zukunft mehr für die Jugend“, sagt Irene. Deshalb kehrt sie gemeinsam mit ihrer jüngsten Tochter zurück nach Bad Hersfeld.

Durch ihre mehr-monatige Arbeit bei Amazon hat sie hier Anspruch auf Sozialhilfe. Die Wohnungssuche ist schwierig, Maria und ihre Mutter haben kaum Möbel. Doch inzwischen haben sie Aussicht auf eine Wohnung in der Badestube. Viel wichtiger aber: Maria kann endlich wieder zur Schule gehen. In der Geistalschule lernt sie jetzt deutsch.

Halt in der Geschichte

So wie ihre Mutter, die einen Kurs an der Volkshochschule besucht. „Wir wollen hier niemanden etwas wegnehmen, sondern die Sprache lernen und arbeiten“, sagt Irene. Sie hofft, bald einen Job neben dem Sprachkurs zu finden, denn sie will hier eine Zukunft für sich und ihre Töchter aufbauen. Bad Hersfeld gefällt ihr, weil die Stadt so voller Geschichte ist. Das gibt ihr Ruhe und Halt.

„Hier kennt jeder seine Wurzeln“, sagt Irene Bofill Vera und ihre dunklen Augen schimmern feucht. „Ich habe keine Heimat mehr, und meine Wurzeln sind gekappt.“

Auf der Suche nach einem besseren Leben war sie viel unterwegs, fand aber nirgends Halt. „Ich möchte nicht mehr nur überleben“, sagt sie nachdenklich und blickt ihre Tochter zärtlich an. „Wir möchten endlich ankommen.“

Bei der Übersetzung half Carmen Schütrumpf. Danke!

Von Kai A. Struthoff

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