Montagsinterview mit Preisträgerin Azize Avci über ihr Leben als Deutsche und Türkin

Heimat ist ein Gefühl

Bad Hersfeld. Ein bisschen geschockt ist Azize Avci (16) immer noch. Nie hätte die Geistalschülerin mit der Medien-Woge gerechnet, die am Dienstag in Berlin über sie schwappte. Im Kanzleramt wurde ihr der erste Preis des Kreativ-Wettbewerbes „Heimat Almanya“ der Bundesregierung überreicht. In ihrem Filmbeitrag „Deutsch und Türkin“ erzählt sie die Geschichte der Emigration ihrer türkischen Familie. Saskia Trebing hat mit ihr über Heimat gesprochen.

Azize, in deinem Film sieht man dich zuerst mit deinen Freundinnen auf dem Schulhof der Geistalschule herumalbern. Ist das ein Bild von Heimat für dich?

Azize Avci: Ja, absolut, die Schule ist ein Teil von mir, deshalb wollte ich sie auch unbedingt im Film haben. Und Freunde sind ein großer Teil von Heimat.

Ist Heimat eher ein Gefühl als ein Ort?

Azize Avci: Ich glaube schon. In Deutsch sollten wir mal einen Vortrag über das Thema Heimat halten, und am Anfang haben wir alle automatisch an ein Land gedacht. Aber dann haben wir gemerkt, dass es viel mehr um Gefühle geht. Das Herkunftsland ist etwas anderes als die Heimat, das ist der Ort, an dem man sich wohl und angekommen fühlt.

Ist dieser Ort Bad Hersfeld für dich?

Azize Avci: Ja, wenn ich länger weg bin, vermisse ich die Stadt richtig. Viele sagen zwar, dass Hersfeld langweilig ist, aber ich fühle mich sehr verbunden.

Und was denkst du beim Wort Türkei?

Azize Avci: Da denke ich eher an mein Leben zu Hause, weil ich mit meinen Eltern türkisch rede. Meine Mutter hat immer gesagt, dass ich meine Herkunft nicht vergessen soll. Aber sie hat auch gesagt, dass ich selbst meinen eigenen Weg finden muss, damit umzugehen.

Hast du dich zwischen deiner Herkunft und der deutschen Heimat manchmal zerrissen gefühlt?

Azize Avci: Am Anfang der Pubertät, so mit 12, wollte ich mal mehr sein wie die Deutschen. Ihre Aktivitäten und vor allem, wie sie Mitglied in Vereinen sind, das fand ich immer toll und deshalb habe ich Sie beneidet. In den meisten türkischen oder Migrantenfamilien ist sowas leider nicht zu sehen. Doch nach einer Zeit konnte ich auch in meinem eigenen Leben viel mehr machen. Jetzt fühle ich mich eher angekommen.

War es deine Entscheidung, ein Kopftuch zu tragen?

Azize Avci: Ja, das wollte ich schon immer. Ich habe zwei große Schwestern, und die tragen auch ein Kopftuch. Und dann in der fünften Klasse war es wie ein Neustart für mich: Neue Schule, neue Leute, neue Lehrer, da hat auch das erste Mal Kopftuch gepasst. Und seitdem habe ich nie daran gezweifelt. Es gehört einfach zu mir und ich fühle mich wohl damit.

Hast du je Probleme deswegen gehabt?

Azize Avci: Eigentlich nicht. Es geht ja nicht nur darum, wie man aussieht, sondern wie man ist. Natürlich verstehen es manche nicht, aber damit kann ich inzwischen umgehen. Manchmal ergeben sich sogar gute Gespräche, wenn mich jemand fragt, warum ich es mache.

Auf der Preisverleihung haben viele Jugendliche auch über das Verlorensein in der Heimat Almanya gesprochen. Konntest du dich darin wiederfinden?

Azize Avci: Ich selbst habe das eher nicht so erlebt. aber ich sehe, dass es vielen so geht. Zu viele Jugendliche sind schon mit 15, 16 total mutlos und fertig. Das macht mich traurig.

Was würdest du dir für Jugendliche wünschen, die nicht so angekommen sind wie du?

Azize Avci: Dass sie sich mehr engagieren, um in die Gesellschaft integriert zu werden. Integration ist für mich nicht, dass man aussieht wie alle anderen, sondern dass man aktiv ist und sich einbringt. Es ist eben Arbeit und kommt nicht von allein, auch bei mir nicht. In der siebten Klasse war ich ziemlich faul und lustlos, aber dann habe ich die deutsch-türkische Bloggerin Kübra Gümüsay für mich entdeckt und gedacht: Ich kann mich auch einbringen. Ich bewundere es, wenn Frauen ihre Herkunft nicht verstecken und zum Beispiel Kopftuch tragen und trotzdem aktiv in der deutschen Gesellschaft sind. Ich glaube, solche Vorbilder helfen.

Du hast eine Reise nach Istanbul gewonnen, wer darf mitkommen?

Azize Avci: Wahrscheinlich meine älteste Schwester.

Was willst du unbedingt noch über die Türkei wissen?

Azize Avci: Ich würde sie gern tiefer kennenlernen als nur als Tourist. Ich war dieses Jahr schon 5 Wochen in Istanbul, und das ist meine absolute Traumstadt, ich kann gar nicht genau sagen warum. Der Preis ist also perfekt für mich.

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