Als Teenager verließ Julia freiwillig ihre Familie und zog in eine Wohngruppe

Der Weg ins Heim

Die Stiftsruine hat für Julia eine ganz besondere Bedeutung. Als sie dort das erste Mal mit dem Chor auf der Bühne stand, hatte sie das Gefühl, ihre Mutter wirklich stolz zu machen. Oft geht sie auch im Stiftsbezirk spazieren. Foto: Maaz

Bad Hersfeld. Als Julia (Name von der Redaktion geändert) zwölf oder 13 Jahre alt war, gab es zwischen ihren Eltern viel Streit. Später trennten sich Mutter und Vater, doch der Streit ging trotzdem weiter und drehte sich häufig auch um die Erziehung der gemeinsamen Tochter, ein Einzelkind.

Die negative Stimmung zu Hause wirkte sich auf Julias Verhalten aus. „Ich war oft krank und in der Schule sehr ruhig“, erzählt Julia heute. Zu Hause dagegen war sie aggressiv, vor allem ihrer Mutter gegenüber. Eine Nachbarin riet der Familie schließlich, sich ans Jugendamt zu wenden.

Schüchtern, aber wütend

Man nahm Familienhilfe in Anspruch und Julia sollte eine Tagesgruppe besuchen. In der so genannten familienergänzenden Einrichtung lernte sie gemeinsam mit anderen Jugendlichen aus problematischen Verhältnissen den Alltag zu bewältigen. „Ich war einerseits sehr schüchtern und introvertiert, andererseits oft auch wütend“, sagt Julia. Die Situation zu Hause sei mal besser, mal schlechter gewesen. Nur selten schafften Julia und ihre Mutter es trotz Unterstützung, gemeinsam am Tisch zu sitzen. Oft saß jeder alleine vor dem Fernseher.

Heute ist Julia 20 Jahre alt. Äußerlich wirkt sie zwar jünger, doch wenn sie über ihre „psychosomatische Vorbelastung“ und ihre „Verhaltensmuster“ spricht, wirkt die junge Frau ziemlich erwachsen und reflektiert.

2008 sei sie freiwillig ins Heim gegangen, wo sie sich wie in einer „riesigen WG“ fühlte. Was Julia Heim nennt, ist im korrekten Sprachgebrauch zwar eine altersgemischte psychologisch-therapeutische Wohngruppe, für die Kinder aber eben ein Heim. Als eine der Älteren hatte sie Aufgaben wie Einkaufen und Kochen zu erledigen, für die vielen jüngeren Kinder habe sie schnell eine Art Mutterrolle übernommen.

Die Noten in der Schule waren längst besser geworden, Julia verließ die Schule mit einem guten Realschulabschluss und begann an der Berufsschule eine Ausbildung im Bereich „Sozialassistenz“, der sie eine zweite Ausbildung zur Erzieherin anschloss. „Lernen gehört inzwischen zu meinem Alltag, daran hätte früher niemand geglaubt.“ Später will Julia mit Behinderten arbeiten.

Gut zwei Jahre wohnte Julia schließlich in einer gemischten Wohngruppe in Bad Hersfeld, gemeinsam mit vier anderen Jugendlichen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht bei ihren Eltern leben konnten. Dort sieht täglich ein Betreuer nach dem Rechten und es gelten strenge Regeln. Regelmäßig stehen außerdem „Aktionen“ an und es werden Einzelgespräche zum Verlauf der Woche geführt. Mit dem Einhalten von Regeln habe sie jedoch nie Probleme gehabt, sagt Julia, auch wenn sie zum Beginn der Familienhilfe am liebsten auf die Barrikaden gegangen wäre.

Einen Hehl daraus, im „Heim“ gewohnt zu haben, macht Julia nicht, sie bindet es aber auch nicht jedem auf die Nase. „Die Reaktion ist meistens Mitleid.“ Mit ihren Eltern versteht sich die 20-Jährige heute wieder besser. Gerade hat sie eine eigene kleine Wohnung bezogen, betreut wird sie nur noch drei Stunden pro Woche.

Von Nadine Maaz

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