Am Blauen Sonntag öffnete die ehemalige Firma Wever in Bad Hersfeld ihre Türen

Ein Hauch von Nostalgie

Die Webstühle aus den 50er-Jahren zogen viele Besucherblicke auf sich. In der Mitte der städtische Denkmalpfleger Johannes van Horrick. Foto: Hettenhausen

Bad Hersfeld. „Blau machen“ heißt, sich „eine Auszeit nehmen“. Das netzwerk industriekultur nordhessen lud unter der Bezeichnung „Blauer Sonntag“ zum fünften Mal zu Entdeckungstouren der Industriekultur ein. Über 40 Firmen in Nordhessen öffneten am vergangenen Sonntag ihre Türen, um Einblicke in vergangene und auch zukünftige Arbeitswelten zu gewähren.

In Bad Hersfeld machte die Stadt mit der Firma Wever blau. Die Geschichte der ehemaligen Leinen- und Baumwollweberei ist eng mit der Stadtentwicklung verbunden. Als sich Ende des 19. Jahrhunderts das Stadtbild in Richtung Bahnhof durch Erweiterungen veränderte, siedelte sich 1872 die Firma Wever zunächst mit einem imposanten Fachwerk-Wohnhaus, danach mit mehreren Fabrikhallen an. 2006 hörte die Firma mit der Produktion auf.

Zahlreiche Ehemalige

Unter den fast 100 Besuchern am Sonntag waren nicht nur viele an der Stadtgeschichte Interessierte, sondern auch zahlreiche „Ehemalige“, die sich über das Wiedersehen freuten und Erinnerungen austauschten. „Was sind wir hier die Treppen rauf und runter gelaufen“. „Über 40 Jahre war ich dabei“. „Schau mal, da oben war mein Büro“, sagte ein Vater zu seinem Sohn und zeigte auf das Wohnhaus. Er arbeitete 25 Jahre lang bei Wever, hat dort gelernt und erinnert sich gerne an die alten Zeiten.

Jetzt haben die Hersfelder Kleiderwerke die Liegenschaft übernommen, um Textilien aufzuarbeiten und Saisonware zu lagern. Die Lage ist logistisch ideal. Johannes van Horrick von der Unteren Denkmalschutzbehörde stellte in mehreren Führungen das Gelände und den Werdegang der Firma vor.

In der zuerst gezeigten Halle konnten die Besucher bereits einen Blick auf eine „Qualitätsarbeit der Industriekultur“ werfen: Die Deckenkonstruktion ist eine preußische Kappendecke, die so heute nicht mehr gebaut wird, die aber sehr haltbar ist. Auch die klassischen Metallfenster vermittelten einen Hauch von Nostalgie. Wenig später standen die Besucher neugierig vor Webstühlen aus den 50er Jahren. Van Horrick gab den Wunsch vieler Anwesenden wieder, die Exponate und auch weitere Relikte von damals in einem zukünftigen Industriemuseum besser präsentieren zu können. Er verhehlte nicht sein Bedauern über so manche Entwicklung.

Wie gut zum Beispiel der schöne Hofbereich des Geländes zu nutzen ist, wurde im Laufe des Tages beim gemütlichen Hoffest deutlich. Was auf dem Gelände geblieben ist, ist auch weiterhin die Arbeit mit Textilien. Im Outletstore „Alte Weberei“ gibt es derzeit „Stoffe und mehr“ aus der Wever-Produktion zu kaufen.

Von Vera Hettenhausen

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