Die Hersfelder Lehrerin Ulla Morgner engagiert sich im Pine Ridge Indianer Reservat

Harter Alltag im Reservat

Geschichte einer Familie: Nachdem sie zwei Etagenbetten für die Kinder erhalten hat, erklärt Einwohnerin Dawna der Helferin Ulla Morgner verschiedene Zeichnungen auf einem Büffelfell, die sie nach den Erzählungen ihrer Vorfahren angefertigt hat. Fotos: Morgner

South Dakota/Bad Hersfeld. „Das Häuschen würde in meiner Heimat gerade noch als kleines Einfamilienhaus durchgehen. „14 Menschen leben zur Zeit in diesem Haus“, erzählt uns die Großmutter. Zwei der Kinder müssen auf dem Küchenfußboden schlafen. Exemplarische Verhältnisse im Pine Ridge Reservat, einer der ärmsten Gegenden auf dem nordamerikanischen Kontinent.

Mit zehn anderen ehrenamtlichen Helfern der Hilfsorganisation „Re-Member“ trage ich Möbelteile hinein. Das Zimmer ist so klein, dass am Ende jeweils ein halber Meter Raum zwischen Matratze und Wänden bleibt.

Organisation „Re-Member“

„Re-Member“ steht seit 15 Jahren den Oglala-Lakota-Sioux zur Seite und leistete in diesem Jahr 3000 Familien Hilfe, 500 Anfragen müssen am Ende der Saison unerfüllt auf der Warteliste stehenbleiben.

Unsere Arbeit ist ein Notpflaster für ein Minimum an Lebensstandard: Außer Etagenbetten bauen wir „outhouses“, Plumpsklos, decken Dächer ab, isolieren mobile Wohnhäuser gegen den bis zu minus 40 Grad kalten Winter.

Harter Arbeitsalltag

Der Alltag bei „Re-Member“ beginnt um sechs Uhr. Vor der Arbeit zitiert Direktor Ted Skantze Weisheiten der Lakota, damit wir Zusammenhänge besser verstehen. Danach schmirgeln wir, schrauben und streichen. Meistens draußen im starken Wind, manchmal bei 40 Grad Hitze, die sich schon am nächsten Tag mit herbstlicher Kühle abwechselt.

Immer wieder sehe ich, wie Helfer stolz zum ersten Mal elektrisches Werkzeug benutzen und ihre Freude, wenn wir die Teile ausliefern. Wir sehen auch anhand versteinerter Schildkrötenpanzer, warum das Land der Lakota auch „Turtle Island“, Schildkröteninsel, genannt wird. Um die Rückgabe ihres Landes kämpfen die Lakota auch heute noch.

Viele berührende und lehrreiche Begegnungen bestimmen den Alltag. Jeden Abend hören wir einen anderen Redner aus der Umgebung: Lehrer, Heiler, Tänzer, allesamt Bewahrer und Botschafter der Geschichte der Lakota-Sioux. Wir lernen etwas über die tragische Geschichte, die spirituellen Traditionen, die lange verbotene Sprache und die kulturellen Bräuche der Lakota.

Begegnung mit US-Bürgern

Auch wegen der Begegnungen mit US-Bürgern ist mein Aufenthalt aufschlussreicher als jedes Landeskundeseminar an der Uni. Beim Besuch der Gedenkstätte des „Wounded Knee Massakers“ hören viele der amerikanischen Helfer zum ersten Mal etwas über diesen grausigen Teil ihrer eigenen Geschichte. Sie wollen helfen, aber auch lernen. Manche von ihnen werden innerhalb weniger Tage zu politischen Aktivisten, wollen die Geschichte „draußen“ erzählen, tätig werden.

„Mitakuye Oysin“ heißt ein zentraler Ausdruck, der uns während unserer Zeit im Reservat immer wieder begegnet, „Wir sind alle miteinander verwandt“.

Wie auch immer jeder Besucher diesen Ausdruck für sich interpretiert, die meisten verlassen das Reservat mit dem Gefühl derselben freundschaftlichen Verbundenheit, mit der sie empfangen wurden.“ (esp)

Von Ulla Morgner

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