Schwerkranker, 14 Monate alter Junge aus Afghanistan wurde im Klinikum behandelt

Haroon lernt das Lächeln

Der kleine Haroon aus Afghanistan und seine Bad Hersfelder Ersatzfamilie: Schülerin Maike Simla, Kinderkrankenschwester Heike Baumgardt und der 1. Vorsitzende des Fördervereins „Medi Kids“ Hans-Jürgen Schülbe. Foto: Kai A. Struthoff

Bad Hersfeld. Neugierig mustert der kleine Junge mit großen, dunklen Augen den Besucher mit dem komisch-klickenden Ding. Langsam tastet sich seine Hand voran, und drückt dann selbst auf den Auslöser der Kamera. Als es klickt huscht ein Lächeln über Haroons Gesicht bevor er sich wieder an die sichere Schulter von Heike Baumgardt schmiegt.

Die Kinderkrankenschwester aus Friedewald war in den letzten Wochen so ein Art Ersatzmutter für den 14 Monate alten Haroon. Der kleine Junge aus der ostafghanischen Provinz Parwan am Fuße des Hindukusch war zwei Monate Patient in der Kinderstation von Chefarzt Dr. Gedeon Diab und wurde dort dank einer Kooperation mit dem Kinderhilfswerk „Friedensdorf International“ kostenlos behandelt. Unterstützt wird die Kooperation von dem Förderverein „Medi Kids“ um dessen 1. Vorsitzenden Hans-Jürgen Schülbe.

Kind armer Bauern

Haroon, der das jüngste von sieben Kindern eines armen afghanischen Bauern ist, litt an hämatogener Osteomyelitis im rechten Unterarm. „Diese Knochenhautentzündung ist eine Infektionskrankheit, die den ganzen Knochen zerstören und im schlimmsten Fall zum Verlust des Armes führen kann“, erläutert der aus dem Libanon stammende Kinderarzt Diab. Doch Haroons Arm wurde gerettet. Und wohl auch seine Seele.

„Als Haroon zu uns kam, war er sehr verschlossen“, erzählt Schwester Heike Baumgardt. Sie, die selbst Mutter und Großmutter ist, wurde allmählich zur Bezugsperson des kleinen Jungen. „Wir haben langsam Kontakt aufgebaut“, sagt sie und erzählt, dass Haroon schon erste Wort wie Mama gesagt hat und fast alles versteht. „Und er hat bei uns laufen gelernt.“

Forsch zieht der Kleine seine Ersatzmutter durch die Flure des Krankenhauses. Von der Decke der Kinderstation schaut die Raupe Nimmersatt zu. „Die Kinder, die aus Kriegsgebieten zu uns kommen, sind nicht verwöhnt“, weiß Heike Baumgardt. Deshalb komme man auch meist gut mit ihnen klar.

Das bestätigt auch 17-jährige Maike Simla. Die Oberbergschülerin war in den vergangenen Wochen so etwas wie die große Schwester des kleinen Haroon. Über ein soziales Schulpraktikum hatte sie Kontakt zur Kinderstation bekommen und bereits ein anderes Kind in ihrer Freizeit betreut. „Man schließt die Kleinen sofort ins Herz“, sagt Maike. Doch deshalb wird das Herz auch schwer, wenn es heißt Abschied zu nehmen.

Haroon ist geheilt. „Die Operation war ziemlich schwierig,“ sagt Unfallchirurg Dr. Claus Bretschneider, der Haroon operiert hat. Die Infektion sei gut ausgeheilt, es bleibe nur eine Fehlbildung des Speichenknochens. „Heilen tut die Natur, wir verbinden nur“, sagt der Arzt bescheiden, der schon seit vielen Jahren kranke Kinder aus Krisengebieten umsonst behandelt.

Dem Tode geweiht

Rund 30 000 Euro würde die Behandlung des kleinen Haroon normalerweise kosten. Unerschwinglich viel Geld für die bitterarmen Menschen in Afghanistan, die mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen müssen. Ohne das Friedensdorf und die Kooperation mit dem Klinikum wäre Haroon dem sicheren Tode geweiht gewesen.

So aber lebt der Kleine. Und er wird zu seiner Familie im kriegs-geschundenen Afghanistan zurückkehren. Mit gemischten Gefühlen und etwas Angst lassen Heike Baumgardt und Maike Simla den kleinen Haroon gehen. „Die Trennung fällt schon schwer, aber die Kinder gehören zu ihrer Familie“, sagt Maike tapfer. Immerhin geht Haroon mit einem Lächeln – denn auch das hat er im Klinikum von Bad Hersfeld gelernt.

Von Kai A. Struthoff

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