Zu Weihnachten wird der Hersfelder Zigeunerkeller zum Ort unzähliger Wiedersehen

Hardrock statt Tannenbaum

Bad Hersfeld. Mick Jagger ist egal, ob Weihnachten ist. Ungeachtet der Heiligen Nacht plärrt der Rolling-Stones-Sänger um kurz nach halb drei seine „Sympathy for the devil“ aus den Lautsprechern. Es dauert nur Minuten, bis auch AC/DC mit „Highway“ to hell“ eher unbesinnliche Klänge durch den Zigeunerkeller schicken.

Eigentlich ist eine Hardrock-Kneipe im Kurpark nicht unbedingt ein Ort, den man mit Weihnachten verbindet. Doch für viele Ex-Hersfelder, die nur für eine festtägliche Stippvisite in die alte Heimat kommen, ist ein nächtlicher Besuch im „Keller“ genauso Tradition wie familiäres Baumschmücken oder der Abstecher zu den Großeltern.

Auch an diesem Heiligabend finden sich über hundert Heimkehrer nach der Bescherung und viel zu viel Essen im alternativen Hersfelder Wohnzimmer ein. Verabredungen mit alten Bekannten sind gar nicht unbedingt nötig, die meisten wissen nach ein paar Jahren, wen sie erwarten können.

Flucht vor der Überdosis Fest

Für manche ist es eine Flucht vor der Familienüberdosis, für andere die Abendabrundung, wenn die Eltern längst schlafen. Dicht um die Theke oder eine Feuertonne auf dem Hof gedrängt, halten alle Ausschau nach den bekannten Gesichtern von früher. Die Szenerie ähnelt einem Miniatur-Lullusfest: jede Unterhaltung wird im Schnitt nach fünf Minuten unterbrochen, weil irgendjemand irgendwem anders in die Arme fällt.

„Eigentlich passt das doch zu Weihnachten“, sagt Florian aus Hersfeld, der inzwischen in Darmstadt studiert. „Man ist mit Leuten zusammen, die man mag, aber lange nicht gesehen hat.“

Auf dem tief verschneiten Innenhof werden neben kleinen Geschenken und dem klassischen Small talk auch Gedanken über das Nachhausekommen ausgetauscht.

Sagt man noch „Ich fahre heim“, wenn man nach Hersfeld kommt? Was ist der Unterschied zwischen Lebensmittelpunkt und Heimat? Ist es gut oder schlecht, dass sich seit dem letzten Kellerweihnachten so gut wie nichts verändert hat? Zumindest draußen an der Feuertonne sind sich die meisten einig, dass das nächtliche Wiedersehen ein Stück Heimat ausmacht. „Weihnachten im Keller gehört dazu“, sagt Achim Schulz, der gerade ein halbes Jahr in Mexiko verbracht hat. „Es sind ja die Leute, die einen mit seinem Heimatort verbinden.“

Dunkel ist’s nebenan

Auf der alljährlichen, wenig besinnlichen Weihnachtsfeier finden selbst Großstädter Hersfeld auf einmal nicht mehr verschlafen. Auch wenn in diesem Jahr ein vertrauter Teil der Kulisse fehlt. Das Nachbarlokal „Ismet“ ist seit einigen Monaten dunkel und verlassen. Auch über die Immobilie des Zigeunerkellers wird immer wieder diskutiert. Aber dass die Traditionskneipe irgendwann aus dem Kellergeschoss am Kurpark 2 weichen muss, ist für keinen der Weihnachtsgäste eine Option. „Wenn der Keller zumacht, ist Hersfeld tot“, sagt Achim Schulze. Dann muss er sich umdrehen und erstmal jemanden umarmen.

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Von Saskia Trebing

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