Branche boomt und schafft Stellen, aber der Nachwuchs wird immer knapper

Handwerk strotzt vor Kraft

Händeringend gesucht: Das Bäckerei-Handwerk wirbt um junge Menschen für die Backstuben und die Verkaufsräume. Foto: Archiv/nh

Kassel. Das nord- und osthessische Handwerk strotzt vor Kraft. Nach einem sehr erfolgreichen Jahr 2014 mit einem Umsatz- und Beschäftigungsrekord strebt die Branche auch 2015 neue Höchststände an. Wie der Präsident der Handwerkskammer Kassel, Heinrich Gringel, am Dienstag in der Jahrespressekonferenz erklärte, legte der Umsatz der fast 16 200 Betriebe im vergangene Jahr um zwei Prozent auf knapp 8,4 Milliarden Euro zu und soll in diesem Jahr um 1,5 Prozent auf gut 8,5 Mrd. Euro weiter steigen.

Davon profitiert auch die Beschäftigung: Die Zahl der Mitarbeiter kletterte um rund 500 und überstieg erstmals die 90 000er-Marke. In diesem Jahr sollen nachmals etwa 450 neue auf dann 90 750 Jobs geschaffen werden. Gringel sprach von „ungetrübter Stimmung im vierten Jahr in Folge“. Der Binnenmarkt funktioniere, „und wir sind der Binnenmarkt“, erklärte ein selbstbewusster Handwerkspräsident. Als Gründe für die gute Branchenkonjunktur macht er nicht nur die insgesamt gute Beschäftigungslage und die damit einhergehenden Kaufkraft sowie durch die Niedrigzinspolitik ausgelösten Bauboom aus, sondern auch die Rückbesinnung der Verbraucher auf Qualität und Regionalität. Davon profitierten in besonderer Weise das Ausbau- und Teile des Baugewerbes, vor allem aber das Nahrungsmittelhandwerk. Konjunkturgewinner ist auch die Metallbranche infolge hoher Zulieferraten an die ebenfalls brummende Industrie.

Aber auch die Gesundheits- und Medizinbranche verzeichnet ein solides Wachstum, und das vor zwei Jahren noch kriselnde Kfz-Gewerbe erfreut sich wieder deutlich besserer Geschäfte.

Kurzum: Selten war die Branche so guten Mutes. Das spiegelt sich auch im jüngsten Geschäftsklima-Index wider, der sowohl die aktuelle Lage als auch die Erwartungen für die nähere Zukunft abbildet. Der legte in den vergangenen fünf Jahren um 11,7 auf derzeit 118,9 Punkte zu – der höchste Stand seit seiner Einführung. Im vergangenen Jahr stieg er von hohem Niveau um 0,3 Punkte. Die durchschnittliche Betriebsauslastung liegt derzeit bei 76,6 Prozent – ebenfalls ein Höchstwert. Die Auftragsbestände reichen im Schnitt für 6,5 Wochen, was ein guter Wert ist.

Einzig der Nachwuchs bereitet der Branche Sorgen: Demografiebedingt und wegen der starken Konkurrenz aus Industrie, Logistik und Dienstleistung geht deren Zahl kontinuierlich zurück. 7202 sind es derzeit im Kammerbezirk. Vor sechs Jahren waren es noch 8924 – ein Minus von fast 20 Prozent. So bezeichnet Gringel die Nachwuchsförderung als die zentrale Herausforderung im Handwerk. Deshalb wirbt es verstärkt um Einwanderer und Studienabbrecher. Das Problem ist drängender denn je. 2020 erreichen 3000 Betriebsinhaber das Rentenalter, und in vielen Fällen ist die Nachfolgefrage ungeklärt. „Handwerk ist nur so gut wie sein Nachwuchs“, appelliert Gringel an alle Betriebe, verstärkt um junge Menschen zu werben.

Von José Pinto

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