250 Dinge, die wir an der Region mögen (212): Reger Verkehr auf „Kurze Hessen“

Handelsstraße und Pilgerweg

Der Pilgrimsteg im Jahre 2008: Im Vordergrund befand sich die Furt durch die Solz. Heute liegen hier Trittsteine des Kinderweges. Foto:  Otto

Bad Hersfeld. Die Fernhandelsstraße „Durch die kurze Hessen“oder einfach „Kurze Hessen“ war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit eine stark befahrene und begangene Verbindung zwischen den Messestädten Frankfurt am Main und Leipzig. Die Straße kommt von der oberhessischen Grenze bei Lingelbach (nahe Alsfeld) und durchquert unsere Region über Breitenbach am Herzberg, Niederaula, Hersfeld, Kathus (später auch Sorga) und Friedewald zum thüringischen Berka/Werra und nach Eisenach.

Sechs Tage unterwegs

Fuhrwerke waren von Frankfurt bis Eisenach sechs bis sieben Tage lang unterwegs. Heute braucht ein Lastzug auf den Autobahnen A 4 und A 5, die meist parallel zur „Kurze Hessen“ erbaut wurden, nur wenige Stunden für die gleiche Strecke. Auf der alten Fernhandelsstraße waren aber auch viele Leute zu Fuß unterwegs, zum Beispiel als Pilger, wie der althochdeutsche Name „Pilgrimsteg“ des Steges über die Solz bei Kathus verrät.

Bereits Kaiser Heinrich IV. (bekannt durch den „Gang nach Canossa“ im Jahre 1077) bevorzugte die „Kurze Hessen“ als Reiseweg von Worms oder Mainz nach Thüringen und Sachsen und hielt sich im Kloster Hersfeld auf. Wahrscheinlich ist aber der Reformator Martin Luther – außer den Deutschen Kaisern und Königen – der berühmteste Reisende, der auf der „Kurze Hessen“ unsere Region durchquerte und in Hersfeld übernachtete.

Während seiner Rückreise vom Reichstag zu Worms im Jahre 1521 predigte Luther verbotenerweise in Hersfeld und wurde während der Fortsetzung seiner Reise im Thüringer Wald „überfallen“ und zu seinem Schutz zur Wartburg gebracht, wo er in Rekordzeit das Neue Testament ins Deutsche übersetzte. Nicht nur Luther, der von der Bevölkerung stürmisch begrüßt und gefeiert wurde, war für die Bewohner an der „Kurze Hessen“ interessant, sondern auch die Geleitzüge der Kaufleute, die zum Beispiel aus über 100 Männern, 150 Pferden und 50 Fuhrwerken bestanden.

Spuren in der Landschaft

Dieser rege Verkehr auf der „Kurze Hessen“ hinterließ Spuren, die man bis heute in unserer Landschaft erkennen kann: Etwa die Furt durch die Solz und den Pilgrimsteg (Pilgersteg) über die Solz, den Hohlweg „Martlieser Graben“ bei Kathus und zahlreiche Hohlwege im Seulingswald. Der Kathuser Straßenname „Alte Straße“ weist ebenso auf die „Kurze Hessen“ hin wie der „Zollstock“ zwischen Friedewald und Hönebach, denn im Seulingswald entstand im Jahre 1306 eine hessische Zollstätte.

Die „Kurze Hessen“, deren Bedeutung im 18. Jahrhundert zu schwinden begann, wird wieder an Bedeutung gewinnen, da zur Zeit der Lutherweg, ein über 300 Kilometer langer Pilgerweg von Worms zur Wartburg, entsteht.

Wo es möglich ist, werden die Pilger des 21. Jahrhunderts auf demselben Weg wie die mittelalterlichen Pilger und wie Martin Luther unterwegs sein, nämlich auf der „Kurze Hessen“.

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