Die ehrenamtlichen Helferinnen des Hospizvereins begleiten Sterbende

Halt auf den       letzten Stufen

Sie können die Stufen des Sterbens nicht verändern – aber vielleicht ein wenig Halt geben (von links): Die ehrenamtlichen Hospizhelferinnen Elke Möller und Doris Wagener und Birgit Berger, die Vorsitzende des Bad Hersfelder Hospizvereins. Foto:  Trebing

Bad Hersfeld. Menschen sterben. Ständig. Im Fernsehen, in der Nachbarschaft und in fernen Ländern. Aber der eigene Vater? Unerhört. Der hat nicht einfach so zu sterben.

Elke Möller kann sich gut an das Entsetzen erinnern, das auf den Gesichtern der Angehörigen lag. Noch nie hatte die Familie den Tod so nah an sich heran lassen müssen. Und nun standen sie im Zimmer ihres sterbenden Vaters, Großvaters und Urgroßvaters. In die Trauer mischten sich Wut und Ungläubigkeit. „Am Anfang musste ich dreimal tief durchatmen, bevor ich die Tür aufgemacht habe“, erzählt die Hospizhelferin. „Für viele ist der Tod immer noch ein Tabu.“

Die 75-jährige Hersfelderin arbeitet seit 2006 als ehrenamtliche Sterbebegleiterin für den Hospizverein Bad Hersfeld. Schon als Krankenschwester hat sie die verschiedenen Stadien des Lebens kennengelernt. Und nun begleitet sie auch als Rentnerin Menschen in ihren letzten Monaten und Stunden. Manche wollen reden oder auch beten, manche brauchen Feuer für ihre Zigarette.

Kein Theater mehr

„Es sind immer intime Momente“, sagt Elke Möller. Sie hat ein Lächeln in der Stimme. „Man muss das annehmen, was kommt. Alles, was passiert, ist in Ordnung.“

Auch bei der Sterbebegleitung, die sie tief durchatmen ließ, geschah auf einmal das Unerwartete. Die Enkelin des Betreuten nahm sie irgendwann einfach in den Arm, danach gehörte sie dazu. Die Zeit des sich Wehrens war vorbei. Der Patient, der sich am Anfang von ihr weggedreht hatte, fasste sie bei ihrem letzten Besuch an den Händen. „Bleib“, sagte er zu Elke Möller. Sie blieb.

Auch Doris Wagener hat die Erfahrung gemacht, dass das Ende oft überraschend leise ist. „Da kommt nicht plötzlich ein Erdbeben“, sagt die Erzieherin, die seit fast zehn Jahren ehrenamtlich in der Sterbebegleitung arbeitet. „Manchmal hat es fast etwas Heiliges.“

Die Bad Hersfelderin hat erlebt, dass der Tod den Menschen ihre Masken abnimmt. Ein Abschied kann Familien zusammenschweißen und auseinanderreißen. Nie Gesagtes will plötzlich ausgesprochen werden. „Man hört auf, Theater zu spielen“, sagt Doris Wagener. „Ich schätze es sehr, dass man die Menschen unverstellt kennenlernt.“

Dass der Tod nicht das Ende von allem ist, das sagt uns in diesen Tagen die Osterbotschaft. Und obwohl nicht alle Sterbenden über Religion oder ihren Glauben sprechen wollen, hören die Begleiterinnen zwischen den Zeilen auch Hoffnung auf das, was kommen könnte.

Eine alte Frau tröstete der Gedanke, dass sie die wiedersehen würde, die schon vorgegangen waren. Und ein krebskranker 16-Jähriger erzählte seiner kleinen Schwester, dass er sich nur verwandeln würde. Wie die Raupe Nimmersatt im Bilderbuch. Er wollte ein Schmetterling sein, der sie im Sommer umflattert.

„Man darf nicht denken, dass alles nur traurig ist“, sagt Doris Wagener. „Natürlich gibt es schwere Momente, aber wir haben auch viel zu lachen.“ Elke Möller hat schon zu italienischen Schlagern im Sterbezimmer geschunkelt. Es war Rosenmontag und der Patient war sein ganzes Leben lang ein glühender Karnevalfan. † Hintergrund, Eine geschenkte Woche

Von Saskia Trebing

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