Was Hänschen nicht lernt...

Kai A. Struthoff

Yes, he can. Und wie der kann! Mit eindrucksvollen 65 Prozent der Stimmen hat Hans Ries die Bürgermeisterwahl in Heringen für sich entschieden. Ein so deutliches Ergebnis im ersten Wahlgang hatten wohl nur die wenigsten erwartet. Denn kein anderer Politiker in der Region polarisiert so stark wie Hans Ries: Entweder man mag ihn – oder eben nicht. Doch das Votum ist eindeutig. Die Mehrheit der Heringer will Ries für weitere sechs Jahre im Rathaus sehen.

Für alle anderen hat eine zweite Leidenszeit begonnen. Vor allem bei den Sozialdemokraten ist das Wehklagen groß. Angeblich wollen jetzt sogar einige SPD-Stadtverordnete ihr Mandat zurückgeben. Menschlich ist das verständlich, denn wer lässt sich schon gern ehrenamtlich ständig vorführen oder sogar beleidigen. Doch im Sinne der Demokratie wäre ein solcher Rückzug ganz und gar nicht. Wo kämen wir hin, wenn jeder das Handtuch wirft, dem sein Gegenüber nicht passt?

Hans Ries selbst hat der SPD und auch ihrem prominentesten Vertreter in Heringen, dem Bundestagsabgeordneten und Hessischen Generalsekretär Michael Roth, ein Gesprächsangebot gemacht. Roth ist ob dieser Scheinheiligkeit empört und fühlt sich eigentlich gar nicht zuständig. Und tatsächlich ist das angebliche „Versöhnungsschreiben“ Ries pur, es trieft vor Sarkasmus. Gleichwohl – man wird sich arrangieren müssen in Heringen. Besser man fängt damit bald an. Wer weiß: Vielleicht hat ja Hans Ries aus seinen Fehlern der Vergangenheit gelernt, obwohl der Volksmund sagt: Was Hänschen nicht lernt – na, Sie wissen schon.

Mit dem düstersten Kapitel der deutschen Geschichte beschäftigt sich die Ausstellung „Legalisierter Raub“ über die systematische Ausplünderung der Juden im 3. Reich. Es ist keine spektakuläre Schau mit atemberaubenden Exponaten. Ganz im Gegenteil: Gerade die trockene Bürokratie der Finanzbehörden, die mit deutscher Gründlichkeit den jüdischen Mitbürgern ihr Hab und Gut, ihre Lebensgrundlage entzogen haben, ist beklemmend.

Bedrückend ist auch die Vorstellung, dass in so manchem Haushalt noch die Besitztümer von jüdischen Familien stehen, deren wahre Eigentümer in den Gaskammern der Nazis starben. „Wir haben von all dem nichts gewusst“, heißt es rückblickend so oft. Aber offenbar hat auch niemand gefragt.

Auch nicht die Medien, die, wie die Hersfelder Zeitung, damals „gleichgeschaltet“, ja, ausgeschaltet waren. Nie wieder dürfen wir uns das Fragen verbieten lassen. Nie wieder dürfen wir wegsehen. Stattdessen gilt: Hinsehen und verstehen! Schon deshalb lohnt ein Besuch der Rotenburger Ausstellung.

struthoff@hersfelder-zeitung.de

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