Waldkalken mit dem Helicopter ist wie Lastwagen-Fahren auf der Achterbahn

Haarscharf über die Wipfel

Mit 150 Stundenkilometern rast Hubschrauber-Pilot Uwe Schmidt zwischen Kirchheim und Neuenstein über den Wald. Foto: Löwenberger

Bad Hersfeld. „Auf die Bäume ihr Affen, der Wald wird gekehrt“ lautete dereinst ein gern gesungener Kirmesschlager. Nun Affen gibt’s hier nicht, auf die Bäume muss auch keiner und es wird nicht gekehrt sondern gekalkt.

Derzeit werden etwa 2500 Hektar Wald im Raum Kirchheim, Niederaula und Wippershain im Bereich des Forstamtes Bad Hersfeld bestreut. Dazu sind drei in sich autarke Teams der Firma Helix Fluggesellschaft im Einsatz. Jedes Team besteht im Idealfall aus einem Hubschrauber mit Piloten, einem Radlader mit Fahrer zum Befüllen des Streukübels und einem Mechaniker, der für Technik und Treibstoff zuständig ist.

Etwa eine Tonne Kalk fasst der Kübel, der an einem Doppelseil 25 Meter unter dem 750 PS starken AS 350 Eurocopter hängt. Mit rund 150 km/h donnern die Piloten damit knapp über die Baumwipfel, fliegen atemberaubend enge Kurven, bei denen der Kübel weit nach außen schwingt. Zwischen 60 und 90 Sekunden dauert ein Flug. Dann ist das Fass leer.

Fast auf den Zentimeter genau setzen die Piloten den Behälter jeweils auf den Beladepunkt. Da wartet schon der Radlader, das Befüllen dauert nur Sekunden und schon geht’s wieder ab in die Luft - 200 Mal am Tag. Bis zu 80 Hektar schafft jeder so vom ersten Büchsenlicht bis in die Abenddämmerung. Zeit ist Geld, denn bezahlt wird die Firma nach ausgebrachten Tonnen, nicht nach Flugzeit. Jeder Meter weiter, jede Sekunde länger kostet demnach Geld. Deshalb ist auch der Hubschrauber leergeräumt bis auf das Notwendigste. Auch der fast 500 Liter fassende Tank wird maximal zur Hälfte mit Kerosin gefüllt. Das macht zwar alle 75 Minuten einen Tankstopp notwendig, spart aber Gewicht und erlaubt so den ganzen Tag über die volle Zuladung. Fast ein bisschen wie in der Formel 1. „Das ist wie Lastwagenfahren“, sagt der 50-jährige Pilot Uwe Schmidt, „Den ganzen Tag Berg rauf Berg runter, da bist du abends ganz schön platt“.

Und woher weiß er, dass er hoch genug fliegt? Zum einen sehe er den Kübel in seinen Spiegeln zum anderen mache es die Erfahrung. „Und wenn das Ding doch mal in die Wipfel kracht, dann merkst du das schon.“

Nein, runter falle man davon nicht gleich, trotzdem solle man es nicht allzu oft machen. Sagt’s, stellt seine „Mühle“ an und entschwindet mit reichlich Lärm und unter Hinterlassung eines mittleren Schneesturms hinter den Bäumen.

Was für den Laien und von unten vielleicht chaotisch aussieht ist in Wahrheit ganz exakte Arbeit. Bei den Flügen werden die Piloten durch GPS unterstützt und das zeichnet auch genau auf, welche Flächen gekalkt wurden. Kontrollbehälter am Boden messen zudem, ob die Mengenvorgaben eingehalten werden.

„Die Abweichungen liegen bei maximal drei Prozent“ weiß Jörg Braun, Funktionsbeamter Technik im Forstamt Bad Hersfeld. Im Selbstversuch hat er nachgewiesen, dass von dem Kalk keine Gefahr ausgeht. Samt Auto hat er sich absichtlich im Streubereich positioniert und den Piloten angewiesen, ihn zu ignorieren. Man erschrecke zwar, wenn die dunkle Wolke über einen hereinbreche, aber außer einer Dusche und frischen Klamotten braucht man danach nichts zu machen. Auch das Auto habe die Kalkung schadlos überstanden. links

Von Bernd Löwenberger

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