Angeklagter bestreitet sexuellen Missbrauch – Opfer sagte unter Tränen aus

Guter Onkel, böser Onkel

Bad Hersfeld. Bei sexuellem Missbrauch ist es in vielen Fällen so, dass der Täter aus dem familiären Umfeld oder dem Freundeskreis kommt. Das war auch so, als im Oktober 2009 ein 13-jähriges Mädchen in Heringen unsittlich berührt wurde.

Täter war der aus Kasachstan stammende Onkel, der seine Vertrauensstellung ausnutzte, als das Kind nach einer Geburtstagsfeier gemeinsam mit einer Freundin im Ehebett nächtigte, ein Wasserbett, was den Reiz dieser Schlafstatt ausmachte. Die Ehefrau des Onkels, eine Altenpflegerin, war wegen eines Kurses in Berlin. Der heute 35-jährige Arbeiter legte sich zu den schlafenden Mädchen und griff der 13-Jährigen unters T-Shirt und den Slip. Weil diese durchs Befummeln sogleich erwachte und aus dem Bett flüchtete, blieb es rechtlich beim „Versuch“ und damit einer milderen Strafe.

Der heute in Rotenburg lebende Angeklagte bestritt alle Vorwürfe. Auch der Hinweis des Gerichts, dass sich ein Geständnis günstig auswirken würde, weil es insbesondere dem Mädchen eine weitere Zeugenvernehmung erspart hätte, half nichts.

Nahezu anderthalb Stunden hörte das Jugendschöffengericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Schilderungen der heute 17-Jährigen, die immer wieder in Tränen ausbrach.

„Nachvollziehbar und glaubhaft“, so der Gerichtsvorsitzenden Dr. Rolf Schwarz in der Urteilsbegründung, habe die Zeugin die Vorfälle berichtet. Widersprüche in Randbereichen sprächen nach so langer Zeit eher für eine wahrheitsgemäße Aussage als dagegen, wies der Richter die von Verteidigerin Daniela Morbach geltend gemachten Zweifel zurück.

Auch dass der Familienverband nach dem ersten Vorfall von 2007 noch still hielt („Sie wollte die Familie doch nicht zerstören,“ sagte die Mutter über ihre Tochter), schien nach dem Gehörten kaum abwegig.

Als es zwei Jahre später „wieder passierte“, zog zumindest die Ehefrau des Arbeiters Konsequenzen und reichte die Scheidung ein. Das traumatisierte Opfer, das im Norden Deutschlands lebt, fand erst ein gutes halbes Jahr später den Mut, zur Polizei zu gehen – zu spät, um den Onkel für die zweite Tag noch wegen „sexueller Beleidigung“ belangen zu können.

Staatsanwältin Christina Dern hatte zwei Jahre ohne Bewährung beantragt. Das Gericht sah in der Strafaussetzung jedoch auch einen Weg, dass der Angeklagte zumindest finanziell Buße tut.

Von Karl Schönholtz

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