Eine Analphabetin stolpert über die Wörter in der Zeitung – und ist doch selbstbewusst

Sie guckt lieber Fernsehen

Sie verstecken ihre Schwäche: Schätzungsweise 6000 Analphabeten leben im Kreis. Eine von ihnen ist Cornelia Müller. Foto: Schleichert

Hersfeld-Rotenburg. Sie hat nichts vermisst im Leben, sagt die Frau, die nicht flüssig lesen und schreiben kann. Manchmal hat sie Lust, auf eine Reise zu gehen. Dann steigt sie in den orange-blauen Zug, dessen Fahrplan sie auswendig kennt. Kurzsichtigen Fremden, die sie auf dem Bahnsteigen nach den verschwommenen Buchstaben auf dem Waggon fragen, entgegnet sie: „Können sie denn nicht lesen?“

Mit 60 Jahren hat die Analphabetin Cornelia Müller (Name geändert) beschlossen, einen Lese- und Schreibkurs bei der Volkshochschule zu machen. „Nicht, weil ich es anderen beweisen wollte“, sagt sie, drei Jahre später. Die Frau aus dem Kreisgebiet wollte selbst wissen, ob sie das, was sie jahrzehntelang vermieden hat, doch kann.

Schon in der ersten Klasse merkte Müller, dass sie anders ist: „Meine Klassenkameraden hatten zwei Fehler im Diktat“, erinnert sie sich, „ich hatte 20.“ Legasthenie nennt man diese Krankheit heute. Damals nannte man sie Faulheit.

Eine Sechs im Diktat

Cornelia Müller schummelte sich durch. „Die Hausaufgaben habe ich von meinen Geschwistern abgeschrieben“, sagt die Frau mit den zehn Schwestern und Brüdern, von denen noch drei weitere in jedem Diktat eine Sechs bekamen. In der 6. Klasse verließ Müller die Schule. „Ich war zweimal sitzen geblieben und hatte nichts gelernt“, sagt Müller. Bei dem Gedanken an die Schulzeit schüttelt sie den Kopf: „Niemand brachte mir das Schreiben bei.“

Wenn Cornelia Müller heute Zeitung liest, schiebt sie die Seiten dicht vor die Augen und fährt mit dem Finger über die kleinen Buchstaben. „Ber...ei“, liest sie, „Berlei ... Berlin!“. Sie stolpert von einem Wort zum nächsten, über Buchstaben und Silben, und macht manchmal kehrt, um nochmal von vorne zu beginnen. Und trotzdem geht sie stolz und aufrecht. „Der Kurs an der Volkshochschule hat mir geholfen, Texte mehr zu verstehen – ich mache bald den nächsten“, sagt sie. Ist es ihr Ziel, einen guten Roman zu lesen? „Nein“, sagt sie, „Ich gucke lieber Fernsehen.“

Ihr Leben wäre leichter gewesen ohne die Legasthenie. Aber Cornelia Müller ist auch ein bisschen stolz darauf, es nicht immer leicht gehabt zu haben. „Ich wusste mir immer zu helfen“, sagt die Frau, die eine Familie, ein Haus und ein gesundes Selbstbewusstsein hat.

Ihr Geld hat sie mit Putzen verdient. Den Arbeitgebern, bei denen sie sich als Putzhilfe vorstellte, sagte sie schon bei der ersten Begegnung: „Ich kann zwar nicht lesen und schreiben – aber wenn es ums Putzen geht, bin ich die Beste.“ Weitere Artikel

Von Pia Schleichert

Kommentare