Helgo Hahn wünscht sich eine Oper - Dieter Wedel verteidigt Sponsoring

Hersfeldpreise an Christian Nickel und das "Krabat"-Ensemble verliehen

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So viele Menschen waren wohl selten auf dem Gewinnerfoto bei der Verleihung der Hersfeldpreise: Vorn links mit Blumen der Gewinner des Großen Hersfeldpreises, Christian Nickel ("Hexenjagd"). Daneben mit Blumen Joern Hinkel als Regisseur von "Krabat". Das Ensemble bekam den Hersfeldpreis.

Bad Hersfeld. Mit musikalischen und schauspielerischen Einlagen sowie einem kleinen gedanklichen Schlagabtausch zwischen Helgo Hahn als Vorsitzendem der Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine und Intendant Dieter Wedel ist am Samstag in der Stiftsruine die Verleihung des Hersfeldpreises 2016 über die Bühne gegangen. Der Große Hersfeldpreis ging an Christian Nickel für seine Rolle in Wedels Stück "Hexenjagd". Den Hersfeldpreis bekam das Ensemble von Joern Hinkels "Krabat".

Die Preisträger:

Für Christian Nickel, der zum ersten Mal bei den Festspielen auf der Bühne stand, kam die Auszeichnung deshalb gleich doppelt überraschend. Seine Dankesrede nach dem verdienten Applaus wirkte sympathisch-planlos. Nickel bedankte sich bei Dieter Wedel für das Vertrauen bei der Besetzung der Hauptrolle des John Proctor ebenso wie bei seinen Ensemble-Kollegen - allen voran Elisabeth Lanz und Corinna Pohlmann - und dem gesamten Festspiel-Team von der Maske bis zur Technik. Bad Hersfeld sei für ein Vierteljahr "ruckzuck" zu einem Zuhause geworden. "Es ist toll, jetzt diesen Preis mitnehmen zu können", so Nickel, dem vielschichtige, komplexe Rollen besonders zusagen.

Über diese große Ehre müsse er nun erstmal nachdenken, erklärte Nickel nach der Verleihung schmunzelnd. "Schauspieler sind wie Kinder, sie sehnen sich nach Anerkennung und Lob." Für den Rest der Saison werde der Preis einen Platz in seiner kleinen Wohnung am Frauenberg bekommen, danach werde er dann mit nach Wien kommen. Dort müsse er allerdings noch einen Platz suchen, bisher gebe es einen solchen extra für Preis nämlich nicht ... Nach Bad Hersfeld würde Nickel gerne wieder zurückkommen.

Überwältigt von der Jury-Entscheidung zeigte sich Joern Hinkel als Regisseur von "Krabat". "Das ist eine tolle und ungewöhnliche Entscheidung", so Hinkel mit Blick auf die Vergabe an ein komplettes Ensemble. Kinder und Tiere gehören nicht auf die Bühne, heiße es oft. Gemeinsam mit Hinkel und einem Teil der rund 100 Darsteller freute sich Robert Joseph Bartl, der die Hauptrolle im Familienstück spielt.

Die Begründung der Jury:

Die Entscheidung sei der Jury nicht leicht gefallen, hieß es. Denn alle Produktionen der Bad Hersfelder Festspiele würden sowohl Abend für Abend vom Publikum mit sehr viel Applaus gefeiert als auch von den Kritikern gelobt. In der Begründung der Jury zur Vergabe der Preise heißt es nun: "Nickel gibt der Rolle durch sein zurückgenommenes und gleichzeitig emotionales Spiel eine hohe Glaubwürdigkeit. In der hochaktuellen Inszenierung von Dieter Wedel ragt er aus einem außerordentlich starken und homogenen Ensemble heraus. Durch Schuld und Gewissensnot wird er zum tragischen Helden. Auf diesem Weg zeigt Christian Nickel die Zerrissenheit des John Proctor zwischen Trieb und Treue, zwischen gesellschaftlicher Anpassung und selbstzerstörerischer Suche nach der Wahrheit."

Der Träger des Großen Hersfeldpreises Christian Nickel mit seiner "Trophäe".

Die Berücksichtigung des Ensembles von "Krabat" nach dem Roman von Otfried Preussler, der stellvertretend an Regisseur Joern Hinkel überreicht wurde, begründet die Jury so: "Mehr als 100 Jugendliche aus der Region sind über Monate inhaltlich und schauspielerisch in den Krabat und in die Welt des Theaters nachhaltig hineingewachsen. Herausragende junge Profischauspieler reißen Jugendliche mit, darunter Schüler und Flüchtlinge. Grenzen zerfließen und werden in der dichten Darstellung unsichtbar. In Hinkels spannender Inszenierung verbindet sich die Magie der dunklen Mächte mit der Magie der Stiftsruine."

Der Preis und die Jury:

Mit dem Großen Hersfeldpreis werden Darstellerinnen und Darsteller ausgezeichnet, die die weiträumige Bad Hersfelder Festspielstätten in Spiel und Sprache beherrschen und die sich in ihr als rollenausschöpfende Schauspielerpersönlichkeiten erweisen. Im vergangenen Jahr hat Christian Schmidt ("Komödie der Irrungen" und "sommernachts-Träumereien") den Preis erhalten, 2014 war Marie Therese Futterknecht ("Maria Stuart") die Preisträgerin.  Der erste Preisträger war im Jahr 1962 Hans Caninenberg. Zu den Preisträgern gehörten unter anderem auch Volker Lechtenbrink, Uwe Friedrichsen, Mario Adorf, Tilly Lauenstein, Helen Schneider und Rufus Beck.

Der Hersfeldpreis wird an Darstellerinnen und Darsteller vergeben, die sich durch ihre Leistung profiliert haben, wobei die Auszeichnung insbesondere den Nachwuchs-Schauspielern zuerkannt werden soll. Im letzten Jahr bekamen Lisa und Laura Quarg ("Der zerbrochne Krug) und im Jahr davor Marie-Anjes Lumpp ("Kiss me Kate") diesen Preis. Der Hersfeldpreis wurde 1969 zum ersten Mal vergeben: Albert Hormann erhielt ihn. Im Laufe der Jahre kamen Namen wie Cornelia Froboess, Uwe Friedrichsen, Dietlinde Turban, Jutta Speidel oder Marie-Therese Futterknecht (2005 und 2008) dazu.

Festspiele: Verleihung des Hersfeldpreises in der Stiftsruine

Die undotierten Preise werden von der Stadt Bad Hersfeld und der Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine alljährlich vergeben. Eine unabhängige Jury entscheidet über die Vergabe der Preise. Mitglieder waren in diesem Jahr  Martina Mattick-Stiller (ZDF/ 3SAT), Bettina Fraschke (HNA), Christoph A. Brandner (FZ), Hermann Diel (HR) und Wilhelm Bing (Freunde der Festspiele).

Was Helgo Hahn als Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine zu sagen hatte:

Hahn blickte auf einige Etappen und Entwicklungen der vergangenen Jahre zurück und erinnerte an die ersten Festspiele im Juli 1951, die damals von kulturinteressierten Bürgern, dem Chorverein, Lehrern, Geschäftsleuten und weiteren Unterstützern initiiert wurden und mit einem Etat von 50.000 DM auskamen. Zehn Jahre und fast 40 Entwürfe habe es gedauert, bis das Dach zum Schutz der Zuschauer installiert wurde. "Das Ergebnis genießen wir noch heute", so Hahn.

Überrascht sei man gewesen, als in diesem Jahr ein weiterer, überregionaler Freundeskreis gegründet wurde. Doch wie Dieter Wedel richtig sage, Freunde könne man nie genug haben, und nun wolle man partnerschaftlich zusammenarbeiten.

Mit Blick auf die Querelen rund um die Oper sprach Hahn von einem "knebelnden Vertrag". Er äußerte aber auch sein Bedauern, dass eine gütliche Einigung letztlich nicht gelungen sei. Einzelne Konzerte können die Oper nicht ersetzen, so Hahn, das sei in diesem Jahr schmerzlich spürbar. Ziel für das nächste Jahr müsse sein, wieder eine Oper anzubieten. Zwei Schauspiele, ein Musical, eine Oper und ein Familienstück gehörten in die Ruine als einzigartige Spielstätte. Der Eichhof und weitere Spielstätten sorgten für ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm.

Der finanzielle Bogen dürfe gleichwohl nicht überspannt werden, auch gelte es, über neue Organisationsformen nachzudenken und sich nicht von Sponsoren abhängig zu machen und so die künstlerische Freiheit zu gefährden. Aus dem Publikum gab es dafür Applaus.

Was Intendant Dieter Wedel entgegnete:

Intendant Dieter Wedel griff nach einer kurzen Plauderei über das Wetter und die Attraktivität der Festspiele auch für die überregionalen Medien die Rede Hahns gleich auf. Er sei erschrocken und zutiefst irritiert, sagte der Intendant, der zudem von der Quadratur des Kreises sprach. "Es gibt Wünschenswertes und Machbares", so Wedel. Ein umfangreiches und gutes Programm koste immer auch Geld, und gerade die Sänger seien oft teuer. In Sachen Oper hoffe man eine Lösung zu finden, für eine Oper auf dem Niveau der Musicals und des Schauspiels, die aber trotzdem den Kostenrahmen nicht sprenge.

Zum verstärkten Sponsoring der Festspiele fand Wedel deutliche und laute Worte: "Ich bin unglaublich dankbar, dass es die Sponsoren gibt und ich gebe mein Ehrenwort, dass noch nie Sponsoren das Programm oder ein Stück beeinflussen wollten." Man lasse sich gerne das Wasser anwärmen, aber nicht jemand anderes den Schwimmstil bestimmen.

Die sonstigen Beiträge:

Bürgermeister Thomas Fehling sprach von einer bislang erfolgreichen Saison mit wunderbaren Aufführungen. "Kulturpreise sind nicht mit dem Zollstock oder der Stoppuhr zu vergeben, und gerade das macht es spannend", so der Stadtchef. Er erinnerte auch noch einmal an den Zuschauerpreis, für den erstmals online abgestimmt werden kann, und zwar noch bis zum 14. August, 18 Uhr.

Auf die Einbeziehung von jungen Menschen bei den Festspielen verwies Staatssekretär Dr. Manuel Lösel in seiner kurzen Ansprache. "Damit zeichnen sich die Festspiele schon seit Jahren aus." Als gutes Beispiel nannte er auch die Konrad-Duden-Schule und deren Arbeit mit '"Krabat".

Durch das Programm führte diesmal HR-Moderatorin Jule Gölsdorf. Musikalische Beiträge kamen von Christoph Wohlleben und einigen Musikern sowie Sandy Mölling und Cusch Jung, die "Es grünt so grün ..." aus "My Fair Lady" darboten. Eine Szene aus "Sommernachts-Träumereien" präsentierten unter anderem Geraldine Diallo, André Eisermann und Markus Majowski.

Auf der LED-Leinwand in der Ruine konnten die Zuschauer einen Ausschnitt aus Verdis Requiem erleben - sozusagen ein Appetizer auf die Aufführungen am 6. und 8. August mit dem Hessischen Konzert- und Festpielchor, angereichert mit literarischen Texten gelesen von Ben Becker. Dirigent Ulrich Metzger versprach "exzellente Fachkräfte" unter den Sängern.

Die Zuschauer und der Termin:

Nur halbvoll waren die Ränge in der Stiftsruine - ob das nun am Eintritt in Höhe von fünf Euro oder dem Termin am Samstagvormittag lag, ist jedoch ungewiss. Sonst hatte die Preisverleihung am Sonntag stattgefunden. "Am Samstag wird meist der Rasen gemäht oder der Biervorrat aufgefüllt, ich danke allen, die trotzdem gekommen sind", scherzte Hermann Diel, Vorsitzender der Jury.

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