Kritiker hessischer Zeitungen sind voll des Lobes für „Die Sommergäste“ von Jean-Claude Berutti

Ein großartiges Ensemble

Seine Verzweiflung und Unzufriedenheit überspielt Wlas (Lars Weström), indem er Faxen macht, irritiert beobachtet von den anderen Sommergästen, mit liebevollem Verständnis von seiner Schwester Warwara (Charlotte Sieglin). Foto: Hartmann

Bad Hersfeld. Es wurde Zeit für eine Öffnung nach Osten für ein Stück eines russischen Autoren in Bad Hersfeld. Das stellte Olga Lappo-Danilewski von der Gießener Allgemeinen in ihrer Kritik der „Sommergäste“-Inszenierung von Jean-Claude Berutti fest und dieser Tenor ist auch aus den anderen Kritiken herauszulesen. Schließlich hätten die Stücke russischer Autoren genug künstlerisches Kaliber und hohes Spielpotenzial.

Ansonsten lobt Olga Lappo-Danilewski die Regie Berutties, „die sowohl espritvolles Theater als auch sensibel durchgezeichnete Charaktere bot, die auf spannende Unterhaltung setzte und turbulenten Ensemble-Aktionismus klug mit berührenden Kammerszenen durchbrach“ und die „farbenfrohe Ausstattung“ Rudy Sabounghis, die der Sakralarchitektur schöne Akzente gebe. Auch die Darsteller werden in der Gießener Allgemeinen durchweg gelobt.

Von „einer großartigen Ensembleleistung der 16 Darsteller“ spricht Bettina Fraschke von der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (HNA) in Kassel, die einen ebenso witzigen wie hintergründigen Abend genossen hat: „In den knappen Szenen (Fassung Botho Strauß) lassen die Darsteller komplexe Persönlichkeitsbilder entstehen, die zusammen mit Beruttis präzise konstruierter Szenencollage ein Gegenwartspanorama mit hohem Wiedererkennungswert erzeugen. Schöne Ferien.“

Christoph A. Brandner von der Fuldaer Zeitung hatte ein Theatererlebnis, in einer „sensibel-blutvollen, komödiantisch-beklemmenden Inszenierung Jean-Claude Beruttis. „Von feinen Nuancen und von der Intensität des stummen Spiels, von Drastik und Spektakel lebt die kluge Inszenierung ebenso wie vom hohen Tempo, von dramatischer Dichte und von perfekten Übergangen“, stellt Brandner fest. Hauptgrund für den Erfolg sei aber „das begeisternde Ensemblespiel einer Riege hochkarätiger Darstellerinnen und Darsteller.“

„Was unterscheidet die Sommergäste des Jahres 1900 auf dem Land irgendwo hinter Moskau von den Sommergästen im All-inclusive Hotel an der Küste bei Antalya?“, fragt Hans Riebsamen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und gibt auch gleich selbst die Antwort: „Eigentlich nichts. Sie hinterlassen Müll und sind der einheimischen Bevölkerung so fremd wie Aliens“.

Fast filmisch habe Regisseur Jean-Claude Berutti die „Sommergäste“ in Szene gesetzt, stellt Riebsamen fest. „Mit leichter Hand rückt er mal dieses Paar, mal jene Personengruppe wie in einer Nahaufnahme in den Blick der Zuschauer. Man denkt unwillkürlich an Überblendungen, wie sie in der Cinematographie verwendet werden.“

Ihre Verwunderung, dass ein Konversations- und Kammerstück wie Maxim Gorkis Sommergäste in die Stiftsruine geraten konnte, räumt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau ein, stellt dann aber fest, dass man sich dem Reiz dieser Verbindung nicht verschließen könne: „Die Riesenruine und die nervösen Wichte; eine Welt, die bereits eingekracht ist und eine andere, der nur noch wenige Jahre bleiben.“ Berutti halte geschickt die Waage zwischen üppigen Gesten und einem privatisierenden Ton, meint von Sternburg, und er vermeide jedes Pathos.

Als „modernes Stück“ hat Klaus Scheuer von Osthessen-News die Sommergäste erlebt. Den Widerspruch zwischen Oberfläche und innerem Befinden zeichne auch die Gesellschaften der europäischen Gegenwart aus, befindet er. (zac)

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