48 Senioren machen einen Ausflug ins Schnellrestaurant – auf ihre ganz eigene Art

Goldgelbe Gemütlichkeit

Restaurantbesuch mit Biss: Elfriede und Kurt Limberger lassen sich ihre Chicken Nuggets bei Mc Donalds schmecken. Sie sind zum ersten Mal in dem Schnellrestaurant, vielen der insgesamt 48 Senioren ging es da ähnlich. Foto: von Polier

Bad Hersfeld. Es ist 14.30 Uhr, 48 Senioren haben Hunger. An diesem bewölkten Tag sind sie mit Rollatoren und Gehstöcken auf dem Weg zu Mc Donalds. Die Älteste von ihnen ist 90. Eigentlich eine normale Szene, wenn es hier nicht um ein Schnellrestaurant ginge, das Lebensmittel anbietet, die „Brazil Samba Double“, „Snack Wrap“ oder „Iced Fruit Smoothie“ heißen.

Annika Sauer vom Bad Hersfelder Seniorenbüro hatte die Idee für den Ausflug. Sie wollte ihren Schützlingen „mal etwas Besonderes bieten“, sagt sie. „Meine Kollegen haben mich verrückt genannt, waren dann aber auch von der Idee überzeugt.“

Langsames Fast-Food

Simone Dreger, die seit 20 Jahren hier Restaurantleiterin ist, hat sich vorbereitet und den Bestellvorgang entschleunigt. Langsames Fast-Food, sozusagen. Ganz anders als sonst nimmt sie Bestellungen am Tisch auf, Kellner bringen das Essen. Auf 14 Tischen liegen Blätter, auf denen mit Kugelschreiber gekritzelt „Reserviert“ steht. Nachdem sie jedem Gast eine große Karte mit Angeboten gezeigt hat, verteilt Dreger Zettelchen, auf die sie eilig Worte schreibt wie „Chibu“, „6 Nug“ und „Col“.

Die 85 Jahre alte Elfriede Limberger guckt ungläubig und sagt: „Was die Worte bedeuten, weiß ich nicht. Mir wurde gesagt, dass das schmeckt.“ Die Abkürzungen stehen für Chickenburger, Nuggets und Cola. Nichts hier erinnert noch an ein Schnellrestaurant. Die Senioren scheinen Gemütlichkeit auf ihr Umfeld zu übertragen. „Was schiefgehen kann?“, überlegt Chefin Simone Dreger und antwortet nach langem Zögern grinsend: „Schauen wir mal.“

Elfriede Limberger begutachtet die Nuggets, die sie mit ihrem Mann Kurt bestellt hat, und schätzt die Lage nüchtern ein: „Eigentlich ist es ja nur Hühnchen.“ Damit kann man nichts falsch machen, denken wohl auch die anderen Senioren. Einige von ihnen essen die goldgelben Teilchen mit Pommesgabel. Zusammen mit Cheeseburgern, Kaffee und Kuchen werden sie heute am meisten verkauft. Tablettweise tragen Kellner Hühnchen und Apfelschorle herbei, während Elfriede sich mit ihrer Sitznachbarin darüber unterhält, wie ihr Mann ihr zum Siebzigsten eine Motorradfahrt geschenkt hat. Diese Verwegenheit hat sie wohl hierher gebracht. Betreuerin Sauer glaubt, dass Frauen dieses Alters häufig offener für Neues seien als Männer. Die Veranstaltung bestätigt es: 40 Frauen und acht Männer sind gekommen. Inzwischen hat Kurt Limberger sein Hühnchen mit süß-saurer Sauce aufgegessen und sagt mit großen Augen: „Ich hätte mir das alleine nie bestellt, aber bin bass erstaunt, so eine Sauce habe ich noch nie gegessen.“

Bei Enkeln mitreden

Am Ende der Veranstaltung sagt Annika Sauer: „Weil Sie heute hier waren, können Sie jetzt bei Ihren Enkeln mitreden.“ Diese Einschätzung erntet große Zustimmung, die zeigt, was alten Menschen besonders wichtig ist: Integriert zu werden.

Von Jürgen von Polier

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