Interview mit Holk Freytag, dem Intendanten der Bad Hersfelder Festspiele

Gold Mocca in der Ruine

Jetzt steht die Kunst im Vordergrund: Holk Freytag, Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, im Gespräch mit Redaktionsleiter Kai A. Struthoff. Foto: Schönholtz

Bad Hersfeld. Wochenlang haben die Bad Hersfelder Festspiele für Schlagzeilen gesorgt, weil über die Finanzierung gestritten wurde. Die ist zumindest für dieses Jahr geklärt, so dass sich das Ensemble jetzt ganz auf die Probenarbeit konzentrieren kann. Im Interview unserer Zeitung mit Intendant Holk Freytag sprachen Kai A. Struthoff und Karl Schönholtz denn auch ausschließlich über die Kunst – fast jedenfalls.

Herr Intendant, wie ist Ihr Eindruck von den ersten Probenwochen?

Holk Freytag: Der ist ziemlich gut. „Die Wanderhure“ ist dabei das riskanteste Unternehmen, denn das ist ja ein Trivialroman. Die Bearbeitung ist aber sehr clever. Dabei waren auch die Schauspieler zunächst skeptisch. Jetzt sind sie total begeistert, die Stimmung ist super. Bei „Kiss me, Kate“ wundert mich das nicht, denn da haben wir eine Besetzung, die ist Gold Mocca-Mischung. Und das Team ist das Beste, was Sie in Deutschland kriegen können. Bei „Maria Stuart“ bin ich natürlich absolut befangen, aber mit diesen beiden Damen zu arbeiten (gemeint sind die Hauptdarstellerinnen Gerit Kling und Marie-Thérèse Futterknecht, die Red.), das ist eine absolute Freude.

In der Stiftsruine kann ja immer nur ein Stück geprobt werde. Wo arbeiten denn die anderen Produktionen? Und wie zufrieden sind Sie mit diesen Möglichkeiten?

Freytag: Die Probensituation ist etwas, das wir verbessern müssen. Ich bin in Asbach in dieser Gaststätte, also optimal ist das nicht. Wir sind auch in der Geistalschule, da bin ich sehr froh, dass wir da untergekommen sind. Wir hatten zwar am Obersberg eine tollen Raum, aber da hatte die Schule selbst so viele Termine.

Zu „Maria Stuart“ haben Sie eine ganz besondere Verbindung. Stichwort: Israel. Was hat es damit auf sich?

Freytag: Ich war 1981 der erste deutsche Regisseur, der überhaupt in Israel gearbeitet hat. Das war am Nationaltheater Habima in Tel Aviv. Ich habe den Chef der Habima zufällig in Stuttgart kennengelerent, und der suchte gerade einen Regisseur. Es war ein unglaubliches Erlebnis und – das darf ich in aller Bescheidenheit sagen – ein Riesen-Erfolg. Die Aufführung ist 78mal ausverkauft gelaufen und wurde nur wegen der Verletzung einer Hauptdarstellerin abgebrochen.

In welcher Sprache wurde gespielt?

Freytag: In Hebräisch. Ich verstehe aber kein Hebräisch, wenn das die Zusatzfrage wäre. Die Proben waren auf Englisch, das geht gut.

Nochmal zurück zur „Wanderhure“. Wie hält man bei diesem Stück die Balance zwischen den Erwartungen des Publikums, das ja das Buch und die TV-Verfilmung kennt, und den eigenen Ansprüchen an niveauvolles Theater?

Freytag: Ich glaube das Einzige, wonach man sich richten kann, ist das Streben nach Qualität. Das klingt so lapidar, ist es aber nicht. Ich sage mal ganz vorsichtig: Die Konkurrenz des Fernsehfilms fürchte ich nicht. Ich glaube, dass wir dieses Niveau locker erreichen, und wir haben eine Besetzung, die interessanter ist als die im Fernsehen – bis auf die Tatsache, dass Julian Weigend die gleiche Rolle spielen wird. Aber der war ja im TV überhaupt nicht zu sehen, weil er eine Maske trug. Das wird bei uns nicht der Fall sein.

Im vergangenen Jahr hat es um das Familienstück viele Diskussionen gegeben, weil manche lieber klassisches Kindertheater sehen wollten. Sie wagen mit „Don Quijote“ einen neuen Versuch, Theater für Kinder und Erwachsene zu machen. Was ist die Idee dahinter?

Freytag: Wir wollen hier von Seiten des Theaters ein Mosaiksteinchen hinzufügen, um der Ghettoisierung unserer Gesellschaft zu entgehen. Ich finde das Miteinander ist das Entscheidende einer Gesellschaft und das beginnt bei Alt und Jung. Ich stelle mir vor, dass Kinder das Stück vormittags mit der Schule besuchen, erzählen dann ihren Eltern davon, und die gehen dann abends rein. Und ich bin durchdrungen von dem Gedanken, Kindern auf diese Art Weltliteratur nahezubringen.

Sie haben zum Probenbeginn potenzielle Sponsoren aufgerufen, das finanzielle Niveau der Festspiele auch künftig abzusichern. Hat es schon eine Resonanz gegeben?

Freytag: Nein. Aber es ist der einzige Weg. Wenn wir das Niveau halten wollen, kann ich nicht 22 oder 23 Prozent des künstlerischen Etats einfach wegnehmen.

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