Offener Brief nach Kündigung von Festspiel-Intendant Holk Freytag

Goethe-Gesellschaft appelliert an Bad Hersfelds Bürgermeister

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Holk Freytag

Wuppertal/Bad Hersfeld. Mit einem Appell an Bürgermeister Thomas Fehling fordert der Vorstand der Goethe-Gesellschaft Wuppertal, die fristlose Kündigung des Intendanten der Bad Hersfelder Festspiele, Holk Freytag, zu revidieren. Eine Korrektur dieser „kulturpolitischen Fehlentscheidung“ sei kein Gesichtsverlust, heißt es in dem offenen Brief, sondern der „Ausweis eines Lernprozesses“ vor dem Hintergrund der massiven Proteste, die die Entlassung hervorgerufen hatte.

Unter dem Titel „Festspiele für die Zukunft“ findet zudem am Sonntag, 7. September, ab 11.30 Uhr in der Stadthalle eine Diskussionsveranstaltung mit Holk Freytag sowie dem Intendanten und Bühnenverein-Funktionär Holger Schultze und dem Kulturjournalisten Christoph A. Brandner statt. Hierzu lädt die Stadtverordneten-Fraktion von SPD und Grünen ein. Moderator ist Dr. Thomas Handke. (red/ks)

Hier der Brief im Wortlaut:

Offener Brief der Wuppertaler Goethe-Gesellschaft e.V.an den Bürgermeister von Bad Hersfeld, Herrn Thomas Fehling, sowie an den Magistrat der Stadt Bad Hersfeld aus Anlass der fristlosen Kündigung Holk Freytags als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Fehling, sehr geehrte Damen und Herren, wir, der Vorstand der Wuppertaler Goethe-Gesellschaft e.V, haben mit Fassungslosigkeit die Nachricht von der fristlosen Entlassung des Intendanten der Bad Hersfelder Festspiele, Herrn Holk Freytag, zur Kenntnis genommen. Über die enormen arbeitsrechtlichen Konsequenzen, die eine solche Maßnahme nicht nur in Bezug auf den Intendanten, sondern auch auf das Festspielensemble unweigerlich nach sich ziehen dürfte und die sich nicht nur in Abfindungssummen beziffern lassen, wollen wir an dieser Stelle nicht spekulieren – dies zu klären, ist Sache von Gerichten.

Was wir als traditionsreicher Kulturverein aber sehr wohl zu bewerten haben, ist der immense künstlerische und kulturpolitische Schaden, den der kaltschnäuzige Rausschmiss eines hochverdienten Theaterleiters und international renommierten Regisseurs für die Festspiele bedeutet. Seit seinem Amtsantritt hat Freytag mit anspruchsvollen Spielplänen, überragenden Schauspielern und erstklassigen Regisseuren den Festspielen ein zeitgemäßes und künstlerisch hochwertiges Profil gegeben, das im Laufe der Jahre nicht nur das Feuilleton, sondern auch immer größere Publikumskreise weit über Bad Hersfeld hinaus zu überzeugen wusste. In einer vom wirtschaftlichen Strukturwandel stark gebeutelten Kleinstadt in der nordhessischen Provinz ein Festspiel zu organisieren, das Theater für alle Bevölkerungsschichten macht, ohne bei der künstlerischen Qualität auch nur die geringsten Abstriche vorzunehmen, das ist eine wahre Herkulesaufgabe.

Diese Herausforderung hat Holk Freytag angenommen und dabei tagtäglich vorgelebt, welches Potential in den Festspielen und ihren künstlerischen Mitarbeitern steckt. Nicht nur durch seine eigenen, immer wieder beeindruckenden Klassiker-Inszenierungen, sondern auch durch die allabendlichen kenntnisreichen Einführungsvorträge gab er den Festspielen ein Gesicht. Wir, der Vorstand der Wuppertaler Goethe-Gesellschaft, haben unter seiner Leitung kaum eine Inszenierung versäumt und keine Mühen gescheut, unseren Mitgliedern den mehrtägigen Aufenthalt in Bad Hersfeld organisatorisch zu ermöglichen. Dafür wurden wir jedes Mal mit hochklassigen Theaterabenden reich belohnt. Das ist nun vorbei.

Nicht nur die die menschlich zutiefst enttäuschende sowie kulturpolitisch dilettantische Form der Kündigung, sondern mehr noch die künstlerisch äußerst fragwürdigen Perspektiven für die Zukunft der Festspiele halten uns davon ab, unseren Mitgliedern auch künftig zu empfehlen, Theaterfahrten nach Bad Hersfeld zu unternehmen. Ein qualitätsbewusstes, politisch mündiges Publikum wird niemals akzeptieren, dass eine Stadtverwaltung künstlerisch wie inhaltlich direkten Einfluss auf den Spielplan nimmt. Da muss die Frage gestattet sein, ob es das Niveau der Festspiele künftig noch erlauben wird, mit Subventionen aus der Kulturförderung von Bund und Land bedacht zu werden. Haben die in der Stadt Verantwortlichen denn nicht zugehört, als Bundespräsident Gauck unlängst bei seinem Besuch die Arbeit der Festspiele im Allgemeinen und die Holk Freytags im Besonderen gelobt hat? Glaubt man denn ernsthaft, der Geldstrom der öffentlichen Subventionen aus überregionalen Steuertöpfen ließe sich nicht leicht in andere Städte und ihre Kulturinstitutionen umleiten, wenn die Qualität in Bad Hersfeld nicht mehr stimmt?

Wir appellieren an Sie, sehr geehrter Herr Bürgermeister Fehling: korrigieren Sie Ihre kulturpolitische Fehlentscheidung, revidieren Sie die fristlose Kündigung Holk Freytags und arbeiten Sie im Rahmen Ihrer Befugnisse konstruktiv mit an der künstlerischen Weiterentwicklung und wirtschaftlichen Konsolidierung der Festspiele. Die Korrektur des unseligen Magistratsbeschlusses der fristlosen Intendantenkündigung wäre kein Gesichtsverlust, sondern vielmehr Ausweis eines Lernprozesses, den die theaterinteressierte Öffentlichkeit in Bad Hersfeld und weit darüber hinaus nicht zuletzt durch den regen Besuch künftiger Festspiele mit Sicherheit honorieren würde.

Mit freundlichen Grüßen, Dr. Stephan Berning, Dr. Bettina Hofmann, Dr. Stefan Neumann, Alexandra Stadtmüller und Gerold Theobalt (Vorstand der Wuppertaler Goethe-Gesellschaft e.V.)

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