Glück auf – Glück ab

Kai A. Struthoff

Für uns war es ein Abenteuer. Für zig-tausend Menschen in dieser Region ist es der ganz normale Weg zur Arbeit. Gemeinsam mit einem Kollegen vom Weser Kurier aus Bremen war ich vergangene Woche unter Tage. Rund 1000 Meter tief unter der Erde haben wir uns die Arbeit der Kali-Kumpel von K+S aus der Nähe angesehen. Der Kollege wollte vor Ort erfahren, woher die Salzfracht stammt, die auch hoch im Norden, in Bremen, noch ein heißdiskutiertes Thema ist.

Als der Förderkorb mit uns in die dunkle Tiefe rauschte, der Fahrtwind durch die enge Kabine brauste und die Ohren knackten, da wurde klar, dass die Diskussion um den Kali-Bergbau weit mehr ist als nur ein akademisches Feilschen um Grenzwerte oder komplizierte Verdampfungsverfahren.

Es geht auch um eine verschworene Gemeinschaft, um gewachsene, alte Traditionen, um mutige Männer – erst langsam erobern auch Frauen diese unterirdische Welt – und eine Arbeitswelt, die so ganz anders ist als andere Jobs.

Wer sie verstehen will, der muss hinunter, sie sehen, hören, riechen und schmecken: das animalische Brüllen der gewaltigen Motoren, mit denen sich die riesigen Maschinen knarzend in das weiße Gold der Erde fressen; das grelle Scheinwerferlicht, das helle Korridore in die Schwärze der Stollen brennt; die brütend-warme, von Diesel-Ruch erfüllte Luft und den allgegenwärtige Salzfilm, der sich auf die Haut, die Lippen, auf alles legt. Dort unten versteht man, warum sich die Männer Kumpel nennen. Ein jeder grüßt mit „Glück auf“ und einem schwielig-harten Händedruck, und jeder weiß, dass er sich hier auf den anderen verlassen kann – und muss!

Gewiss, Arbeiterromantik kann keine Entschuldigung für Umweltverschmutzung sein. Ebenso wenig wie die Gewinnerwartungen von Vorstandsbossen und ihren Aktionären. Doch wohlfeiles Eindreschen auf den einstigen DAX-Primus K+S löst keine Probleme. Denn die weltweite Konkurrenz schläft nicht. Kali-Bergbau ist ein teures Geschäft, jede Investition muss sich rechnen. Mit Stolz verweist K+S zudem auf die bereits enorm reduzierte Salz-Belastung der Werra seit der Wende.

Und natürlich wissen die Bergbau-Ingenieure genau, dass nur noch für etwa 40 Jahre Salz in den unterirdischen Kavernen liegt. Lohnt sich da noch die 500-Millionen-Investition in eine Pipeline, die an der Nordsee ohnehin keiner will?

Am Ende wird es wohl ein pures Rechenexempel werden; bis dahin zähes Verhandeln um Grenzwerte, um Zuschüsse, um Fördermengen. Und ein langwieriges Hoffen und Bangen für die Kali-Kumpel und ihre Familien: Glück auf, Glück ab eben!

struthoff@hersfelder-zeitung.de

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