Siegfried Heinrich dirigierte in der Stadthalle seine eigene Festmusik zum 75. Geburtstag

Gleichnisse des Lebens

Glücklich und zufrieden: Siegfried Heinrich mit den Musikern der Virtuosi Brunensis nach dem Sinfoniekonzert, das er an seinem 75. Geburtstag in der Bad Hersfelder Stadthalle dirigierte. Fotos: Von Trott

Bad Hersfeld. Superlative, zeigen sie sich nun in Schneemengen oder in vom Fernsehen ermittelten „schönsten Opern aller Zeiten“, gehören zu unserem Wahrnehmungsalltag. Wir sind hier bescheidener und doch ein wenig stolz, wenn wir meinen, ein Dirigent, der an seinem 75. Geburtstag ein komplettes Orchesterkonzert in gekonnt-überzeugender Manier leitet, verdient einen Superlativ.

Und wir fügen gleich an: Prof. Siegfried Heinrich, der seit 50 Jahren in der Region Osthessen und der Stadt Bad Hersfeld so überaus regsame, wirksame und prägende Musiker, findet hier als kulturelle Persönlichkeit nicht seinesgleichen.

Man meint, für ihn gelte der Lebensentwurf des altchinesischen Dichters Laotse: Schaffen, doch nicht besitzen, mehren, doch nicht behalten, führen, ohne zu herrschen. Weiß doch der wahre Musiker nur zu sehr die Stille nach dem letzten Ton zu schätzen, den Abstand von seinem Tun, weil dann erst neues Begehren und Verlangen keimt. Wenn das nicht auch ein Gleichnis des Lebens ist und der Liebe und der Treue. Bekennt der Jubilar doch selbst, wie viel Motivation, wie viel Trost und Heilung die Musik spendet.

Elastische Rhythmen

Programmatisch, gleichnishaft wollen wir auch den Straußwalzer „Künstlerleben“ an diesem Sonntagvormittag werten mit seinen aus elastischen Rhythmen sprießenden Melodien, denen hier nur das weiche Polster des Harfenklangs fehlte. Programmatisch ferner Haydns wunderbares Oratorium „Die Schöpfung“, das Heinrich mit seinen Chören demnächst, in seinem 76. Lebenssommer, sich neu vornimmt.

Und aktuell: Einer 22-jährigen Geigerin das Podium zu bereiten für den ersten Auftritt mit einem der großen Virtuosenkonzerte der Romantik, auch das ist ein Teil von Heinrichs Künstlerleben. Mehren, doch nicht behalten. Laura Zarina aus Lettland, die 2010 an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin bei Prof. Ulf Wallin ihr Konzertdiplom vor sich hat, lohnte es dem Dirigenten und dem zahlreichen Bad Hersfelder Stadthallenpublikum mit einer intensiven, eigengeprägten, doch in jedem Moment mitteilsamen Wiedergabe von Max Bruchs beliebtem g-Moll-Konzert op. 26.

Man folgt beglückt ihrer Hingabe an den Augenblick, ihrem Bestreben, die edle, reine Klangfassung ihres Geigentons zu bewahren, den Klangraum zu weiten, Durchlässigkeit zu schaffen für den brillanten Funkenschlag des Allegro energico-Finalsatzes. In alldem zeigte sie sich nach zweimal Mozart im vergangenen Jahr als merklich gereifte, besonnene, umsichtige, fürsorgliche, ja frauliche Musikerin.

Ureigenen Sprache

Wie sehr das Idiom der „Prodaná nevesta“, nämlich Bedrich Smetanas unsterblicher Oper „Die verkaufte Braut“, ihre ureigene Sprache ist, ließen die Virtuosi Brunensis nach der Pause im gefühlvoll-ekstatisch musizierten Tanz der Komödianten aus dem 3. Akt spüren.

Händels Orgelkonzert d-Moll op. 7/4 war sicher eine Wunschmusik, weil es in seinem feierlich aus den tiefen Streichinstrumenten aufsteigenden Adagiobeginn gar nicht wie Händel klingt. Jens Amend entführte danach mit seiner Tastenflexibilität in ein effektvoll schwingendes Kontrastklima.

Negative Folge der Witterungsumstände: Der Gesangssolist musste über Nacht passen. Also sangen die Instrumente: Katarina Madariovás Violoncello zusammen mit Oboe d’amore und Continuoinstrumenten im Triosatz der Bassarie „Erleucht’ auch meine finstre Sinnen“ aus dem 5. Teil von Bachs Weihnachtsoratorium. Und später die Streicher- und Bläserstimmen zur silbrig gurrenden Celesta (Markus Fischer) in einem der wundersamsten und zugleich aufrichtigsten aller Liebeslieder: „Ein Mädchen oder Weibchen wünscht Papageno sich, / Ja, so ein sanftes Täubchen wär’ Seligkeit für mich.“

Gern, denn die ganze Seligkeit von Mozarts „Zauberflöte“ hält Siegfried Heinrich im August in der Stiftsruine bereit.

Von Siegfried Weyh

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