Dem Himmel so nah im Riesenrad: Interview mit Pröpstin Sabine Kropf-Brandau über die Kirche, die Sünde und das Volksfest

Zum Glauben gehört auch die Freude

Dem Himmel ganz nah, die Kirche dabei aber stets fest im Blick: Die neue Pröpstin des Spengels Sabine Kropf-Brandau. Foto: Struthoff

Bad Hersfeld. Sabine Kropf-Brandau, die neue Pröpstin, hat schon von Berufs wegen einen guten Draht nach oben. In einer Gondel des 55 Meter hohen Bellevue-Riesenrads sprach Kai A. Struthoff mit ihr über Glauben, Sünde und die Kirche.

Frau Kropf-Brandau, sind Sie dem Himmel eigentlich häufig so nah wie hier im Riesenrad?

Sabine Kropf-Brandau: (lacht) Ich fühle mich dem Himmel oft nah, wenn ich in Gottesdiensten bin. Auch wenn ich lebendige Gemeinden erlebe und meinen Sprengel erkunde, bin ich dem Himmel ganz nah. Trotzdem genieße ich diese erste Fahrt im Riesenrad, denn hier werde ich wieder zum Kind.

Sie haben feministische Theologie studiert. Was ist das denn? Ich dachte bisher, vor Gott sind alle Menschen gleich?

Kropf-Brandau: Vor Gott schon. Aber in der Kirchengeschichte ist das lange Zeit vergessen worden. Die Kirche und auch die Bibel waren viele Jahrtausende patriarchal geprägt. Die feministische Theologie sagt: Wir Frauen sind genauso viel wert wie Männer. Die Bibel hat auch viel von Frauen zu erzählen. Davon zu berichten und dabei auch auf die Sprache zu achten, die nicht nur männlich geprägt sein soll – das finde ich wichtig.

Auf dem Lullusfest wird ja auch ordentlich gesündigt. Können Sie das aus kirchlicher Sicht eigentlich billigen?

Kropf-Brandau: So ein Volksfest können wir aus vollstem Herzen billigen, denn zum Glauben gehört auch die Freude dazu. Außerdem hat dieses Fest ja kirchliche Wurzeln. Ich finde es immer schön, wenn Menschen miteinander feiern. Allerdings habe ich mit diesen Unmengen von Alkohol, besonders bei Jugendlichen, schon ein Problem.

Müssten wir Erwachsenen da nicht mehr Vorbild sein?

Kropf-Brandau: Natürlich müssen wir Vorbild sein. Ich hoffe auch immer, dass das in den Elternhäusern thematisiert wird. Das heißt ja nicht, dass man Alkohol verteufelt. Ich trinke auch gern ein Glas Wein. Aber man muss ja nicht mittags besoffen durch die Stadt laufen. Das jetzt weit verbreitete Koma-Saufen von Jugendlichen sollte jedenfalls unbedingt Thema sein, sowohl im Elternhaus, als auch in Schule und kirchlicher Jugendarbeit.

Sie haben eben gesagt, zum Glauben gehört auch die Freude. Immer mehr Menschen scheinen heutzutage die Freude an der Kirche zu verlieren. Warum?

Kropf-Brandau: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ich erlebe zum Beispiel eine große Frustration bei engagierten Menschen in den Gemeinden, weil wir Pfarrstellen reduzieren müssen. Wir müssen Gemeindehäuser einsparen. Das ist für viele Gemeindemitglieder schwer zu ertragen, sie sind darüber sehr traurig. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte einen Goldsack zum Auskippen bei mir. Andererseits muss sich die Kirche auch wieder mehr Gehör verschaffen, sich einmischen – in gesellschaftliche und politische Fragen. Wir haben viel zu sagen. Und je besser die Gemeindearbeit ist, desto eher bleiben die Menschen auch in der Kirche.

Könnte die Kirche vielleicht von einem Volksfest wie Lolls lernen – etwas freudvoller sein und weniger moralinsauer?

Kropf-Brandau: Der Philosoph Nietzsche hat mal gesagt: ‘Unbeschwerter müssten die Christen sein, dann könnt’ ich ihnen ihren Glauben eher abnehmen.’ Ich würde mir auch oft wünschen, mehr von der Freude des Evangeliums, von dem Humor, den Kirchenväter wie Luther hatten, rüberzubringen. Natürlich müssen wir die Probleme der Welt sehen, aber andererseits sollten wir die Menschen auch mit Humor und Gelassenheit begeistern.

Das Lullusfest ist ein Heimatfest. Kirche will auch Heimat geben. Sie erleben beides gerade, da sie nach längerer Abwesenheit wieder in die Heimat zurückgekehrt sind. Wie ist das für sie – gerade an Lolls?

Kropf-Brandau: Mit dem Lullusfest verbinde ich viel. Gestern bin ich voller Freude als Hippie verkleidet mit dem Festzug mitgefahren. Das war so wie früher in meiner Kindheit. Für mich ist es wie ein Stück Heimkehr. Ich treffe viele Klassenkameraden. Und doch ist die Heimat verändert. Meine Rolle ist eine andere, mit der ich mich gerade arrangiere. Aber ich erlebe auch Hersfeld und die Region viel lebendiger als damals. Hier wird viel für die Menschen gemacht. Das freut mich. Ohnehin stehe ich leidenschaftlich für Lebensfreude und Optimismus. Wir werden die schweren Jahre gut schaffen.

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