Montagsinterview mit Joachim Belloff vom Kinderschutzbund Hersfeld-Rotenburg

„Es gibt noch viel zu tun“

Setzt sich für die jüngsten Mitglieder unserer Gesellschaft ein: Joachim Bellof, 1. Vorsitzender des Kreisverbands Hersfeld-Rotenburg des Deutschen Kinderschutzbundes. Foto: Maaz

Hersfeld-Rotenburg. Seit 22 Jahren gibt es den Kreisverband Hersfeld-Rotenburg des Deutschen Kinderschutzbundes, mit derzeit 60 Mitgliedern. Wie viele andere Vereine hat auch er Probleme, genug aktive Mitstreiter zu finden und seine Projekte und Angebote zu finanzieren. Vielfach agiert der Verband auch im Verborgenen. Wir sprachen mit dem Vorsitzenden Joachim Belloff.

Kinder scheinen es ja in Deutschland recht gut zu haben. Wofür brauchen wir den Kinderschutzbund eigentlich?

Belloff: Es wird sehr viel für Kinder getan und im Vergleich mit anderen Ländern geht es den Kindern nicht schlecht, aber es gibt trotzdem viel zu tun. Es gibt zum Beispiel viele Kinder, die in Problem-Familien aufwachsen. Außerdem kommt Geld oft nicht da an, wo es hin soll, nämlich zu den Kindern. Darum kümmert sich der Kinderschutzbund. Auch häusliche Gewalt ist ein großes Thema und ein Bereich, in dem der Kinderschutzbund aktiv ist. Wir arbeiten mit dem Jugendamt und der Polizei zusammen, unsere wichtigste Aufgabe ist aber die Prävention. In den Kommunen achten wir auf die Spielplätze oder informieren politische Gremien.

Und wofür setzen Sie sich im Kreis Hersfeld-Rotenburg ein?

Belloff: Wir setzen uns auch hier gezielt gegen Gewalt in Familien ein und leisten Präventionsarbeit. Zum Beispiel mit Beratungs- und Infomationsangeboten, aber auch in der Vernetzung zum Beispiel mit dem Runden Tisch gegen Gewalt. Gewalt in Familien wird leider nicht weniger. Dabei geht es nicht immer nur um physische Gewalt, sondern auch um psychische. Bei jeder Trennung geraten die Kinder zwischen die Fronten und werden häufig als Werkzeug benutzt, um den Ex-Partner zu erpressen. Die Kinder müssen es dann ausbaden. Das ist ein Problem, das in der Gesellschaft häufig übersehen wird.

Konkrete Projekte, die wir gerade vorantreiben, sind ein Online-Stadtplan für Kinder und Jugendliche, in dem zum Beispiel alle Spielplätze aufgeführt sind, und die Einrichtung von Leon-Hilfeinseln.

Bei dem Hilfeinseln-Projekt, das Sie gemeinsam mit der Polizei angehen, werden Geschäfte mit Plakaten ausgestattet, die diese als Hilfeinseln ausweisen. Sollten Kinder nicht sowieso überall Hilfe erwarten dürfen?

Belloff: Theoretisch ja. Aber es gibt auch heute noch Notrufsäulen an der Autobahn, obwohl fast jeder ein Handy hat. Das gibt einem ein gutes Gefühl: auch wenn mein Handy nicht funktioniert, kann ich Hilfe holen. So ist es hier im Prinzip auch. Natürlich ist jeder verpflichtet zu helfen, aber die Hilfeinseln bieten Kindern und Eltern einfach eine größere Sicherheit, zum Beispiel für den Schulweg. Es sind ganz spezielle Anlaufstellen da, wo Kinder hingehen können, wenn etwas vorgefallen ist oder ihnen etwas komisch vorkommt. Wir wollen die Kinder auch mit Kontaktkärtchen ausstatten, so dass die Mitarbeiter die Eltern anrufen können.

Sie bieten auch Sprechstunden für Kinder, Jugendliche und Eltern an. Wer nimmt dieses Angebot wahr und warum?

Belloff: Dass jemand direkt in unser Büro kommt, wird immer seltener. Wir beraten viel am Telefon, ab und zu auch mit Hilfe des Internets. Es gibt allgemeine Fragen von Kindern zu ihren Rechten, wir hatten aber auch schon den Fall, dass uns ein Jugendlicher angerufen hat, der akut suizidgefährdet war. Da mussten wir schnelle Hilfe organisieren. Eltern fragen häufig nach neuen Medien. Wie lange darf mein Kind vor dem Fernseher oder dem Computer sitzen? Zum Umgang mit neuen Medien bieten wir auch Fachberatungen an. Leider kommt es immer wieder vor, dass Eltern erst dann zu uns kommen, wenn das Jugendamt sich schon eingeschaltet hat. Wir sind auch keine Rechtsvertretung. In den Fällen, in denen wir nicht selbst helfen oder kompetent beraten können, vermitteln wir die Betroffenen aber weiter.

Der Deutsche Kinderschutzbund wird dieses Jahr 60 Jahre alt, der Kreisverband 22. Was hat sich für Kinder verändert?

Belloff: Es hat sich schon einiges verändert, und die Angebote sind sehr vielfältig geworden. Kinder rutschen allerdings immer mehr in die häusliche Gewalt rein und viele leben in einer Grauzone zwischen Hartz-IV und einem Einkommen der Eltern, das gerade an der Grenze liegt. Kinderarmut ist bei uns durchaus ein Thema. Überhaupt werden Gelder für Kinder schnell gekürzt, Kinder kommen in der Politik oft zu kurz.

Der Kinderschutzbund, UNICEF und das Kinderhilfswerk setzen sich für eine Eintragung von Kinderrechten ins Grundgesetz ein. Reichen die Menschenrechte denn nicht aus?

Belloff: Wir sind der Meinung, dass Kinder unsere Zukunft sind, und sie besonders geschützt und gefördert werden müssen. Natürlich gibt es neben den allgemeinen Menschenrechten viele Gesetze und Verordnungen, die Kindern Rechte geben, aber das sind in der Regel Länderrechte, die nicht überall gleich sind. Wenn es Vorgaben im Grundgesetz gäbe, müssten sich daran alle halten. Damit gäbe es außerdem eine gesetzliche Grundlage für Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts. Wir werden auch im Kreis weiter Unterschriften sammeln und sie dem Bundestag zukommen lassen.

Von Nadine Maaz

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