Warum Roger Willemsen das Lesen liebt und Dichter oft schwermütig sein müssen

Ein Gewitter aus Worten

Signatur inklusive Lachen: Viele Zuschauerinnen lassen sich nach dem Vortrag in der City Galerie ihre Bücher von Autor Roger Willemsen signieren. Foto: Strecker

Bad Hersfeld. „Das war ein Sprachgewitter“, sprudelt es aus einer Zuschauerin heraus, als Roger Willemsen am Donnerstagabend von der Bühne in der Bad Hersfelder City-Galerie steigt. Er verzieht seine Mundwinkel zu einem verschmitzten Grinsen, verbeugt sich noch einmal und verschwindet in der Hoehlschen Buchhandlung. Mit einem Glas Wein in der Hand eilen ihm die Zuschauer nach, lassen sich Bücher signieren und feiern so 175 Jahre Hoehlsche Buchhandlung.

Wer sich vorstellen kann, wie sich der Klang von Regentropfen auf einem Blechdach vom Plätschern zum rasenden Trommeln steigern kann, der hat eine Idee von Willemsens Erzählstil. Und er weiß beides einzusetzen. Während der einstündigen Kostprobe seiner Virtuosität im Umgang mit Sprache zitiert Willemsen nicht etwa aus seinen eigenen Büchern. Stattdessen lässt er sie alle zu Wort kommen: Bertolt Brecht, James Joyce, Robert Musil, Friedrich Hebbel und viele mehr.

Dabei geht es vor allem um Details aus deren Leben. Willemsen lässt die Menschen hervorlugen, die sich oft hinter ihren Büchern verstecken. So sei eigentlich die Ehefrau von Friedrich Hebbel daran schuld, dass ihr Mann nach der Hochzeit keine große Literatur mehr in sein Tagebuch gekritzelt habe. Er war einfach zu glücklich, der Kerl.

Warum Leser lesen

In seinem Vortrag skizzierte Willemsen auch, warum manche Menschen von Büchern nicht genug bekommen: „Leser wollen ihr Leben verdichten. Sie werden jemand anderes und sind bereit, ihr Selbst zu überschreiten, Erfahrungen zu sammeln – mit anderem Geschlecht, zu einer anderen Zeit, in einem anderen Land.“ Und so sehr die Leser die Welt aus einer anderen Perspektive sehen wollen, so sehr schreiben Dichter oft aus einer Ausgegrenztheit heraus, schildert Willemsen. „Nehmen wir einmal Kafka. Der würde bei Dieter Bohlen bereits in der ersten Runde vom Super-Talent rausfliegen. Kultur ist eben ein Minderheitenphänomen.“ Auf diese Weise schaffte es der 54-Jährige mit dem Charme eines großen Jungen ganz leicht, die Zuschauer mit seiner Faszination von schöner und verunglückter Sprache anzustecken. Er lässt Witze in ernste Themen einfließen, lacht über sich selbst und mit dem Publikum.

Ein Gewitter verändert alles für einen begrenzten Zeitraum: das Licht, die Luft, die Stimmung. Und das Gewitter aus Sätzen und Sprachbildern, das Willemsen auf die Zuschauer niederregnen ließ, veränderte ebenfalls. Nur tiefgehender. Wie beim Lesen eines Buches hatten die Besucher die Chance abzutauchen. Sie lachten über Geschichten von Dichtern, die Willemsen durch amüsante Anekdoten von ihrem Schöpferthron holte. Und sie mühten sich, den Windungen des Vortragenden zu folgen, der unglaublich schnell spricht. Und vielleicht sogar noch schneller denkt.

Von Judith Strecker

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