Unverständnis, Chaos und Erklärungsnot: Apotheken klagen über neues Arznei-Gesetz

Gesetz mit Nebenwirkung

Verordnet dem Gesetzgeber mehr Weitblick bei der Umsetzung von Arznei-Reformen: Saskia Hildwein, Apothekeninhaberin in Bad Hersfeld, beklagt den Datensalat, der durch die kurzfristige Umstellung in den Arznei-Programmen herrscht. Foto: Schleichert

Bad Hersfeld. Der Datensalat wird alle 14 Tage neu gemischt. „Wir haben jeden Tag damit zu kämpfen“, klagt die Apothekeninhaberin Saskia Hildwein und klickt sich durch das fehlergespickte Computerprogramm. Der Erreger, der den Apotheken schon seit drei Wochen Bauchschmerzen bereitet, heißt „AMNOG“ oder auch Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz, und wurde Ende vergangenen Jahres beschlossen. Ziel: Die Medikamentenkosten gesetzlich Versicherter senken.

Den Ursprung des Gesetzes versteht der Friedewalder Apotheker Dr. Jürgen Teichgräber: „Einige Arzneimittel-Hersteller wollten mit abweichenden Packungsgrößen Rabattverträge umgehen“, erklärt er. Wenn der Arzt 99 Tabletten verschrieb, mussten Apotheken das Präparat mit 99 Tabletten herausgeben – und zum Beispiel nicht das günstigere Produkt eines anderen Herstellers mit 100 Tabletten.

Zu kurz gedacht

Kritik aber üben die Apotheker an der Umsetzung der Sparidee: „Am 19. Dezember wurde das Gesetz beschlossen – die Umsetzungsphase bis zum 1. Januar war viel zu kurz“, sagt die Hersfelder Apothekerin Hildwein. Doch auch drei Wochen nach der Einführung tummeln sich noch ungezählte tückische Fehler in der Datenbank.

Ein Beispiel: Verordnet der Arzt einem AOK-Versicherten 50 Tabletten gegen Sodbrennen, erscheint in dem Programm ein Rabattarzneimittel, das aber nur 28 Tabletten enthält.

Die Apotheker müssen einen umständlichen Umweg gehen, um die benötigte größere Packung herauszugeben. Die Fehler, so die Apotheker, würden von Herstellern oder Kassen in das System eingespeist. „Das Problem ist uns bekannt“, sagt Dr. Wilfried Boroch von der AOK Hessen. Es müsse schnellstmöglich eine praxistaugliche Lösung gefunden werden, um die Fehler auszumerzen.

Was aber bleibt, sind die Fragen der Patienten: Warum bekomme ich nicht das gewohnte Medikament oder das vom Arzt verordnete? Darauf müssen Apotheker schon seit mehreren Jahren antworten. Neu sind folgende Fragen: Warum musste ich noch vor zwei Wochen weniger zuzahlen, um meine Wunsch-Arznei zu erhalten? Warum wird mir als Frau ein Prostata-Mittel zur Blutdrucksenkung verkauft?

„Das neue Gesetz sorgt unter den Kunden für großes Misstrauen“, erklärt Apothekerin Hildwein, „denn wir sind am dichtesten dran an den Menschen“. Nach drei Wochen AMNOG zieht auch der Friedewalder Apotheker eine ernüchternde Bilanz: „Der Mehraufwand wird auf uns abgewälzt.“

Von Pia Schleichert

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