Wochenendporträt: Sinti absolviert Ausbildung bei Bickhardt Bau

Immanuel Lind: Den Gesellenbrief als Ziel

+
Eine Aufgabe: Auf der Lehrbaustelle der Kreishandwerkerschaft in Bebra zimmert Bickhardt-Bau-Azubi Immanuel Lind eine Fensteraussparung für eine Betonwand.

Bad Hersfeld. Immanuel Lind packt an: Der 17-Jährige aus Bad Hersfeld absolviert eine Ausbildung bei der Kirchheimer Firma Bickhardt Bau zum Hochbaufacharbeiter in der Richtung Stahlbetonbau. Im Sommer des kommenden Jahres steht für ihn die Gesellenprüfung an. So weit ist das eigentlich nichts Besonderes. Allerdings ist Immanuel Sinti. Und Menschen aus diesem Kulturkreis wird zuweilen vorgeworfen, sie seien faul und nicht gesellschaftsfähig.

Auf Immanuel treffen all diese Vorurteile überhaupt nicht zu. Seine Mutter Gina, die neben Immanuel noch drei weitere Kinder großgezogen hat, ist sich sicher, dass viele Sinti und Roma aufgrund ihrer Geschichte als fahrendes Volk in diese Schublade gesteckt worden sind, aber auch viel selbst dazu beigetragen haben. „Auch ich kann nicht lesen und schreiben. Meine Eltern haben darauf keinen Wert gelegt. Wir waren immer mit dem Wohnwagen unterwegs. Ich glaube, dass 70 Prozent der Sinti und Roma meiner Generation dasselbe Problem haben wie ich“, erklärt die 54-Jährige.

Damit es ihrem Nesthäkchen einmal besser geht, hat die seit 17 Jahren alleinerziehende Frau immer darauf geachtet, dass Immanuel regelmäßig die Schule besucht und einen Abschluss erreicht. Das hat funktioniert. Nachdem er die siebte Klasse wiederholt und einige Praktika absolviert hat, ist der Knoten geplatzt. Mit 15 Jahren hat er schließlich den qualifizierten Hauptschulabschluss erreicht. Immanuel ist froh darüber, dass er so von seiner Mutter unterstützt wird.

Gina Lind sorgt dafür, dass ihr Jüngster, mit dem sie zusammen in einer Wohnung an der Dreherstraße auf der Hohen Luft lebt, morgens rechtzeitig an seinem Ausbildungsplatz erscheint.

Derzeit muss Immanuel frühmorgens nach Bebra zur Lehrbaustelle der Kreishandwerkerschaft kommen. Gefahren wird er von seiner Mutter – die theoretische Fahrprüfung legte sie mündlich ab. Und wenn er auf einer Brückenbaustelle eingesetzt ist, dann nimmt ihn morgens ein Kollege zunächst mit nach Kirchheim.

Zwar hat Immanuel den Führerschein, allerdings darf er nur in Begleitung ans Steuer. Ab dem kommenden Mai ist das anders, dann wird er volljährig und darf alleine fahren. „Das macht dann vieles einfacher“, glaubt Immanuel.

Die Abschlussprüfung möchte er unter allen Umständen bestehen. Doch bis dahin ist es noch ein steiniger Weg. Viel Fleiß wird er benötigen, um dieses Ziel zu erreichen. Das haben ihm die Ausbilder bereits mit auf den Weg gegeben. Bei der praktischen Zwischenprüfung hat Immanuel bereits erfahren müssen, dass einem ein Gesellenbrief nicht einfach hinterhergeworfen wird.

„Ich weiß, was ich da falsch gemacht habe“, sagt Immanuel. Und sofort setzt er sich ein weiteres Ziel: „Ich möchte auf jeden Fall das dritte Lehrjahr dranhängen und Stahlbetonbauer werden.“

Sehr zur Freude seiner Mutter: „Ich war immer für ihn da, damit aus ihm etwas wird. Ich habe ihm immer gesagt, dass er meine letzte Hoffnung ist.“

Und so gibt sie auch die Hoffnung nicht auf, dass Immanuel zuhause – jetzt wo die kalte Jahreszeit bevorsteht – erkennt, dass Brennholz in die Wohnung geholt werden muss, damit der Ofen Wärme spendet. „Es wäre schön, wenn er das ausnahmsweise auch mal erkennen würde“, flachst die Mutter.

Von Mario Reymond

Kommentare