Beginen zeigten beim Lollsfestzug ein fast vergessenes Stück Hersfelder Geschichte

Mit gesegneten Kastanien

Beginen beim Lollsfestzug: Iris Plass-Geißler (links) und Anke Selbmann, die sich beide der beginischen Lebensform verschrieben haben, machten beim Lollsfestzug auf ein Stück Hersfelder Geschichte aufmerksam. Foto:  Schmidl

Bad Hersfeld. Traditionell marschieren Abt Lullus und Gefolge an der Spitze des Lollsfestzuges. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten begleiteten sie zwei Beginen in fast historischen Gewändern und verteilten mit allen guten Wünschen gesegnete Kastanien. Und bei denjenigen, die ausgerechnet am Lollsmontag von Zahnschmerzen geplagt waren, sollte die Heilkraft der verteilten Nelken lindernd wirken.

Als Beginen wurden ab dem 13. Jahrhundert die weiblichen Angehörigen einer Gemeinschaft christlicher Laien bezeichnet, die Kranke pflegten oder Pilger und Reisende aufnahmen. Außerhalb der Stadtmauern

Die Hersfelder Begine Iris Plass-Geißler hatte schon vor Wochen Obermönch Klaus Strippel und seine Männer in Kutten gefragt: „Wisst ihr eigentlich, dass es hier Klausnerinnen gegeben hat?“ und bat: „Wenn ihr wieder was Historisches macht, denkt an mich“. Mit ihrem Auftritt vor großem Publikum erinnerten sie und Begine Anke Selbmann aus Bebra an die Hersfelder Beginen, die schon im 12. Jahrhundert im Lepragelände auf dem Frauenberg außerhalb der Stadtmauern lebten.

Bereits um 1100 wurde an dem Standort eine größere Frauenkirche gebaut, die den Beginen später als Klause diente. An einem Mauerrest finden sich dort noch heute eine bildliche Darstellung betender Beginen als Stifterinnen.

Begine Brita Lieb, Bundesvorsitzende der Beginengemeinschaften in Deutschland, nimmt Bezug auf Archiv-Dokumente in über 600 deutschen Städten und in ganz Europa, die die Aufgaben der Beginen belegen und erläutert: „Die Obere Frauenstraße mit dem Frauentor und die Untere Frauenstraße scheinen auf diese für die mittelalterlichen Städte wichtige Frauengruppe hinzuweisen. Fast ein Viertel der Altstadt war „Frauenland in Frauenhand“. Die Beginen hatten nicht nur die gesamte Krankenpflege übernommen, sondern von ihrer Hände Arbeit gelebt und sich in noch heute vorhandenen großen Gärten hinter den Häusern und innerhalb der Mauern selbst versorgt. Die Toten bestatteten sie auf dem Friedhof zwischen Lepragelände und der Stadt. Die Beginen hatten Mühlen-, Salz- und Braurechte“.

Die beginische Lebensform eines selbstbestimmten Lebens von Frauen kommt einem Ausbrechen aus der mittelalterlichen Gesellschaftsordnung gleich. Die Herkunft des Namens Begine ist bis heute ungeklärt. Eine mögliche Deutung kommt vom lateinischen Wort „Benigna - bono igne ignitae = die für das Gute brennt“.

1985 wiederbelebt

Die Lebensweise der Beginen wurde 1985 wieder belebt. In der heutigen Umbruchzeit setzen sie sich in den Städten und für die Städte ein wie vor 900 Jahren, allerdings in moderner Form. Iris Plass-Geißler sieht sich als Teil der modernen Beginen-Bewegung in Europa und fühlt sich der Tradition der mittelalterlichen Beginen-Kultur verbunden.

Begine Brita Lieb bestätigt: „Genügend alleinstehende Frauen gibt es auch heute wieder, die lieber richtig verrückt, als schlecht gelaunt und gemeinsam statt einsam leben wollen!“

Von Gudrun Schmidl

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