Das Montagsinterview: Natascha Hollstein über vegane Ernährung und die „Sorgen“ der Fleischesser

Genug Alternativen zum Fleisch

Hersfeld-Rotenburg. Einen Vegetarier- und Veganer-Stammtisch für die Region möchte Natascha Hollstein ins Leben rufen. Sie spricht damit ein Thema an, das derzeit einen Boom erlebt. Wir sprachen mit der 25-Jährigen.

Frau Hollstein, in den Buchläden biegen sich derzeit die Tische unter Kochbüchern für Vegetarier und Veganer. Wie erklären Sie sich diese Welle?

Natascha Hollstein: In den vergangenen Jahren haben die Medien verstärkt über die Bedingungen der Massentierhaltung und die Auswirkungen unseres Fleischkonsums auf die Umwelt berichtet. Das hat die Menschen sensibilisiert. Vor zwei oder drei Jahren kamen die ersten veganen Kochbücher von Attila Hildmann auf den Markt.

Das waren zum ersten Mal deutschsprachige Bücher, die auch reich bebildert waren und so das Interesse Vieler geweckt haben. Da haben dann andere nachgezogen.

Was ist denn konkret gesünder an vegetarischer und veganer Ernährung als an fleischhaltiger Kost?

Hollstein: Ich würde nicht sagen, dass Ernährung ohne tierische Produkte automatisch gesünder ist. Aber durch eine ausgewogene vegetarische oder vegane Ernährung nehme ich viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukte zu mir. Das beugt Zivilisationsleiden wie Herz-Kreislauferkrankungen und Rheuma vor. Seit ich mich selbst vegan ernähre, ist meine Migräne verschwunden.

Ist denn diese Art der Ernährung eine Lebenseinstellung?

Hollstein: Inzwischen ja. Ich bin mit Landwirtschaft und Tieren aufgewachsen, habe aber schon als Kind Fleisch nicht besonders gemocht. Irgendwann habe ich beschlossen, das Fleisch „unserer“ Tiere nicht mehr zu essen. Da war es nur konsequent, jeglichen Fleischkonsum zu meiden. Seit sechs Jahren lebe ich vegan und verzichte ganz auf tierische Produkte. Ich esse keinen Käse, trinke keine Milch, trage aber auch keine Lederschuhe mehr. Dabei habe ich gedacht, dass es mir beispielsweise schwer fallen würde, auf Käse zu verzichten. Aber das war kein Problem, es gibt genug Alternativen.

Vegetarier werden von Fleischessern oft ins Lächerliche gezogen oder gar angefeindet. Wie erklären Sie sich diese Schärfe in der Diskussion?

Hollstein: Ich habe es oft erlebt, dass man zusammen isst und erwähnt, dass man sich vegan ernährt. Sofort fühlen sich die Fleischesser angegriffen.

Ich glaube, Fleischesser haben oft das Gefühl, dass Vegetarier und Veganer sie moralisch verurteilen, und wehren sich dann, indem sie die „Angreifer“ lächerlich machen wollen. Sie „sorgen“ sich plötzlich darum, dass man genug Nährstoffe bekommt. Würden wir Fleisch essen, wäre das den Leuten doch auch egal.

Kommt der Boom eigentlich eher aus der Stadt oder aus ländlichen Regionen?

Hollstein: Ich glaube schon, dass der vegane Trend aus den großen Städten kommt, wo etwa durch die Unis viele jüngere Menschen leben, die sich bewusst gesund ernähren wollen und Dinge wie die Massentierhaltung hinterfragen.

Bekommt man in unserer Region denn problemlos alle wichtigen Zutaten für die vegane Küche in guter Auswahl?

Hollstein: Grundlagen der veganen Ernährung sind Gemüse, Obst, Getreide, Hülsenfrüchte und Nüsse. Die bekommt man in jedem Supermarkt oder auf dem Wochenmarkt. Tofuwürstchen, pflanzliche Milch und Aufstriche gibt es dort auch – oder im Reformhaus.

Was erwarten Sie sich vom Stammtisch in Bad Hersfeld?

Hollstein: Ich bin sehr gespannt. Wir haben ja schon eine Facebookgruppe zum Thema mit etwa 50 Menschen. Ich rechne damit, dass vielleicht 15 bis 20 Personen zum Stammtisch kommen.

Was haben Sie dann vor?

Hollstein: Wir wollen andere Vegetarier und Veganer kennenlernen und uns austauschen: Wo kaufe ich am besten ein, wo kann ich gut vegetarisch und vegan essen. Wir wollen Neueinsteigern helfen und Tipps geben.

Von Rainer Henkel

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