Montagsinterview mit Intendant Holk Freytag: Erste Bilanz nach den Premieren

Geistiges Klima ist wichtig

Nur Lotte bleibt: Um den Hund einer Mitarbeiterin formiert sich auf der Pinwand im Büro von Intendant Holk Freytag jedes Jahr das aktuelle Ensemble der Bad Hersfelder Festspiele. Foto: Schönholtz

Bad Hersfeld. Die Premieren der vier großen Ruinen-Stücke sind problemlos über die Bühne gegangen. Zeit, um eine erste Bilanz zu ziehen. Karl Schönholtz und Kai A. Struthoff sprachen darüber mit Festspielintendant Holk Freytag.

Sie sind gesundheitlich angeschlagen in die Probenzeit gegangen und mussten dann auch noch den Hauptdarsteller in „Der Name der Rose“ ersetzen. Wie geht es Ihnen jetzt?

Holk Freytag: Ich bin total erleichtert. Auch gesundheitlich geht es mir den Umständen entsprechend richtig gut. Aber die ersten drei Wochen waren sehr hart. Drei Wochen nach einer Operationen mit dem Proben zu beginnen, ist nicht so doll. Auch mit dem Ergebnis der Rose bin ich sehr zufrieden. Bernd Kuschmann hat die Hauptrolle souverän übernommen. Aber wir hatten auch gar keine andere Wahl.

Die dpa hat über das Wagnis, die Festspiele mit dem Familienstück „Dschungelbuch“ zu beginnen, geschrieben: Experiment gelungen. Eröffnen Sie nun auch im nächsten Jahr mit dem Kinderstück?

Freytag: Nein. Wir werden mit King Lear mit Volker Lechtenbrink in der Hauptrolle eröffnen. Man muss aus dem Kinderstück ja auch kein Ritual machen. Aber als Signal fand ich es schön, die Resonanz war enorm. Es war ein heiterer Anfang für die Festspiele – ein Aufbruch.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Inszenierung der Rose, wie wir sie am Premierentag gesehen haben?

Freytag: Ich bin da natürlich total befangen. Ich bewerte nicht gern meine eigenen Stücke. Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Mehr war nicht zu erwarten. Aber wir werden an der Aufführung weiter arbeiten, sie wird noch wachsen. Wir spielen das Stück sehr gerne, und wir merken auch, dass das Publikum darauf positiv reagiert.

Sunset Boulevard ist begeistert aufgenommen worden. Sie haben einmal gesagt, es gebe nicht mehr viele Musicals, die in der Stiftsruine gespielt werden können. Sehen wir im nächsten Jahr also Helen Schneider als Norma Desmond wieder?

Freytag: Ich glaube das eher nicht. Ich arbeite im Moment an einem sehr interessanten neuen Projekt. Es gibt schon noch eine ganze Menge Musicals, aber die Luft bei den großen Stücken wird schon dünner. Die, die man rechtlich derzeit spielen darf, haben wir fast alle hier gesehen. Aber wir werden ein attraktives, neues Musical bringen. Trotzdem bleibt es für mich ein Skandal, dass wir wegen der anschließenden Opernfestspiele gezwungen sind, nur in den Sommerferien zu spielen.

Jean-Claude Berutti hat sich mit seinem Hamlet jetzt zum zweiten Mal als Meister der Ruine erwiesen. Ist das nur professionelle Arbeit oder schlicht ein Glücksfall?

Freytag: Es ist beides. Jean-Claude Berutti ist ein großartiger Regisseur. Dass er mit der Ruine so gut umgehen kann, war nicht vorauszusehen. Aber ich habe es ihm zugetraut. Einen großen Anteil daran hat aber auch sein Bühnenbildner Rudy Sabounghi. Bei unserer ersten Begegnung hatte er gesagt, ihm sei aufgefallen, dass alle in Richtung Apsis und zurück spielen, er wolle deshalb quer spielen. Das war die Grundidee der Sommergäste, die er auch jetzt mit den Lichtkästen zitiert.

Das Jugendforum Europolis liegt Ihnen sehr am Herzen. In diesem Jahr erhält es auch mehr Aufmerksamkeit...

Freytag: Ja, wir haben das wohl im vergangenen Jahr noch nicht ausreichend kommuniziert. Wir haben hier eine wunderbare Truppe, ich finde toll, wie engagiert sie arbeiten. Wir wären verrückt, wenn wir dieses Jugendforum nicht fortführen würden. 80 Prozent der Teilnehmer vom vergangenen Jahr sind immer noch miteinander im Kontakt. Da entsteht ein Netzwerk, das man einfach nutzen muss.

Die Resonanz der breiten Bevölkerung ist noch nicht so groß. Ist das Projekt zu abgehoben für eine kleine Stadt wie Bad Hersfeld?

Freytag: Eine Überforderung des Publikums gibt es nicht. Die Menschen müssen sich daran gewöhnen. Dazu braucht man einen langen Atem, um das durchzusetzen. Ich bin sicher, dass bald ganz viele Leute hier wissen werden, wie toll das ist. Das geistige Klima um ein Festival herum ist extrem wichtig.

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