Geisterzüge in der Region

Kai A. Struthoff

Ein Geisterzug mit tödlicher Fracht ist im Schutze der Nacht durch unsere Region gerollt: der Castor. Während die meisten von uns im warmen Bett lagen und dem Sonntag entgegenträumten, haben sich einige wackere Aktivisten in Altmorschen von einer Brücke abgeseilt, um den Zug aufzuhalten.

So viel Protest wie in diesem Jahr gab es schon lange nicht mehr. Der faule Atomkompromiss der Regierung mit den Kraftwerksbetreibern bringt viele Bürger auf die Barrikaden. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Deutschen keine Atomkraft will – diese riskante Technologie, deren strahlender Müll noch Hunderttausende von Jahren eine tödliche Gefahr darstellt.

Gewiss, auch dieser Castor-Transport wird am Ende sein Ziel in Gorleben erreichen – durchgepaukt mit dem massiven Einsatz der Staatsgewalt. Und doch sind die Proteste dagegen wichtig, denn sie zeigen der Regierung, dass die Bürger nicht alles mit sich machen lassen. Und es ist gut zu wissen, dass dieses Signal auch aus unserer Region ertönt ist.

Vachas sozialdemokratischer Bürgermeister Frank Pach indes setzt lieber auf die Vogel-Strauß-Politik. Im Vorfeld einer angekündigten Demonstration von Neo-Nazis riet er seinen Bürgern, die Fenster und Türen zu schließen und besser daheim zu bleiben, statt den ewig Gestrigen und ihren dumpfen Parolen beherzt eine Absage zu erteilen.

Glücklicherweise sind nicht alle der Empfehlung des Bürgermeisters gefolgt. Eine Handvoll Aufrechter hat sich auch diesem Geisterzug, der durch unsere Region gezogen ist, in den Weg gestellt. Sie haben deutlich gemacht, dass bei uns kein Platz ist für Nazi-Parolen und rechtsradikales Gedankengut. Das war richtig! Denn mit Wegsehen und Ignorieren wurden noch nie Probleme gelöst.

Kein Geisterzug, wohl aber eine Gespensterdebatte ist der Streit zwischen dem Arbeitskreis für Musik und der Festspielintendanz um die Nutzung der Stiftsruine. Auch wenn die Stadt mit einem Vergleich erst mal für Ruhe gesorgt hat, bleiben doch Verlierer auf der Strecke. Das hervorragende Vokal-Ensemble TonArt um Helgo Hahn wird als Bauernopfer einfach von der Ruinenbühne gekippt. Sollen die doch sehen, wo sie auftreten können.

Mit Liebe zur Kunst, zur Kultur, zur Musik hat das alles nichts mehr zu tun. Neben den „Ton-Art-isten“ sind auch die vielen Fans dieser Gruppe die Verlierer in diesem Ruinen-Drama. Im Interview unserer Zeitung beharrte der Arbeitskreis für Musik auf seiner Haltung und pochte auf die bestehenden Verträge. Neue Konflikte sind also programmiert. Wohin soll das noch führen?

Vielleicht sollte man in Zukunft konsequenterweise auch das Singen und Pfeifen von Spaziergängern im Stiftsbezirk untersagen. Das würde dann die Ruinen-Posse vollends auf die Spitze treiben.

struthoff@hersfelder-zeitung.de

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